31. Juli 2016

Erfüllt und gefüllt

Nun sind schon mehr als zwei Monate seit dem Ende des 100. Katholikentages in Leipzig vergangen. „Erfüllt und gefüllt“, habe ich geantwortet, als ich nach meiner Rückkehr gefragt wurde, wie ich mich nach diesen Tagen fühle. Das öffentliche Schreiben hier im Blog ermöglichte mir, diesen Gefühlszustand eine Weile festzuhalten und meine vielfältigen Eindrücke zu verarbeiten. Doch allmählich verblassen die Erinnerungen und ich habe das Gefühl, der Katholikenktag ist erzählt.

Nach dem gehaltvollen Trialog am Samstagvormittag ging es am Nachmittag ebenso gehaltvoll, jedoch weniger ernst, dafür mit viel hintergründigem Humor mit einem Kabarettbesuch im „academixer“ weiter.

Seht da ist die Frau“- den Frauengottesdienst am Samstagabend in der Propsteikirche verließ ich vorzeitig. Zum einen benötige ich keine gymnastischen Aufwärmübungen, um mich auf einen Gottesdienst einzustimmen und zum anderen haben mich die Unruhe durch das ständige Kommen und Gehen, sowie die zwei Männerhintern direkt vor meiner Nase gestört.

Männerhintern

Während meines Kirchenbesuches, hatte mein Mann eine Picknickbox besorgt, die wir, ganz im Sinne der Veranstalter, an einer der Tafeln mit „Leipzigern“ teilten. Das „Dankeschönfest“ war ein tolle Idee und ein wunderbarer Abschluss des Katholikentages.

Bei strahlendem Sonnenschein endete am Sonntagmorgen mit dem Festgottesdienst auf dem Augustusplatz das große „Jubiliäums-Christentreffen“. In zwei Jahren geht es, wenn Gott will, dann nach Münster.

Das Grundmotiv des Katholikentages war Dialog. Doch alle Dialogsbemühungen bleiben leere Worte, wenn wir sie uns nicht aneignen und in die Tat umsetzen. Oftmals rühren Missverständnisse mit Angehörigen anderer Religionen daher, dass wir in unterschiedlichen Welten aufgewachsen sind oder darin leben. Dabei müssen sich friedliches Zusammenleben und religiöse Gegensätze einander nicht ausschließen. Das erfahre ich an meinem Arbeitsplatz Tag für Tag. Etwas über die eigene Religion und über die der anderen zu wissen kann helfen, Konflikte und Missverständnisse abzubauen.

Ich bin gut zu Hause angekommen und inzwischen hat mich der Alltag wieder fest im Griff. Bis wir uns wieder lesen wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Sommer. Genießen Sie die sommerlichen Abende auf dem Balkon, der Terrasse, im Garten oder wo immer Sie sich auch befinden.

Ihre
Christa Schwemlein

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30. Juli 2016

Sünde und Vergebung – Fortsetzung Katholikentag 2016

Der Samstagmorgen empfängt uns mit herrlichem Sonnenschein. Ein Wetter wie für uns bestellt.

Sünde und Vergebung – mit einem Trialog der abrahamitischen Religionen in der Aula der Volkshochschule will ich heute in den Tag starten. Das gestrige „Streitgespräch“ hat meine Interesse auf Mehr geweckt. Was verstehen Juden und Muslime unter Sünde? Wie gehen sie damit um? Welche Unterschiede gibt es bei diesen Fragen zu meiner Religion? Meinen Mann interessieren solche Themen weniger. Er will sich heute Früh der globalen Verantwortung widmen. Um 11.00 Uhr findet zum Thema Klimagerechtigkeit eine Podiumsdiskussion in der Oper statt. Doch bevor sich unsere Wege trennen frühstücken wir gemeinsam im Innenhof der Volkshochschule.

Sünde und Vergebung

In der vollbesetzten Aula sitzen mindestens genauso viele Männer wie Frauen.
Das erstaunt mich. Dachte ich doch, Männer hätten eine größere Distanz zu Kirche und Glaubensinhalten als Frauen.

Nach den einleitenden Worten des Moderators spricht zuerst der jüdische Theologe. Sünde ist nach jüdischer Auffassung der Verstoß gegen Gottes Gesetze, eine Tat aus freiem Willen. Neben den Grundregeln der menschlichen Gemeinschaft, den 10 Geboten, gibt es 603 weitere Ge- und Verbote, die zu einem gelingenden Leben anweisen. Die Rede von Prof. Dr. Ephraim Meir ist ausführlich und vieles ist mir neu.
So wusste ich zum Beispiel nicht, dass Himmel und Hölle im Judentum nur eine vage, keine zentrale Rolle spielen, die Erbsünde von den Juden verneint wird und es folglich keine kollektive Erlösung durch den Kreuzestod Jesu geben kann. Sünden zwischen Menschen und Gott werden einmal jährlich an „Jom Kippur“, dem Versöhnungstag, vergeben. Hierzu reichen Reue und Umkehr. Sünden gegenüber seinen Mitmenschen sühnt dieser Tag allerdings nicht, es sei denn, dass diese ihm verzeihen. Nach jüdischer Auffassung mischt sich Gott nicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Nur wer geschädigt wurde kann vergeben. Wie schwierig Vergebung mitunter sein kann erklärt uns der Redner am Beispiel des Mannes, der am Versöhnungstag in der Synagoge auf seinen Erzfeind trifft:

„Komm, lass uns vergeben und vergessen. Von heute wünsche ich dir alles, was du mir wünschst.“ „Siehst du, jetzt fängst du schon wieder an“, schießt dieser giftig zurück.

Dennoch sei Vergebung möglich. Voraussetzung ist die Bitte um Verzeihung seitens des  „Beleidigers“, sowie der feste Wille des „Beleidigten“ zu vergeben. Die Vergebung liegt in der Hand des „Beleidigten“. Hat dieser vergeben, dann vergibt auch Gott.

Der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Mouhanad Khorchide spricht von einer ähnlichen Tradition im Islam. Die Gelehrten unterscheiden ebenfalls zwischen den beiden Sündenbegriffen – „Sünde gegenüber Gott“ und „Sünde gegenüber Menschen“. Allerdings hinterfragt er kritisch: „Gibt es das wirklich? Kann ich gegenüber Menschen sündigen ohne damit gegenüber Gott gesündigt zu haben und umgekehrt“. Dies erläutert er mit der Geschichte, die er dem Propheten Mohamed zuspricht und die mir in ähnlicher Form aus den Evangelientexten bekannt ist:

Jemand steht vor Gott im Jenseits und Gott sagt zu ihm: „Ich war krank und du hast mich nicht besucht. Ich war hungrig und du hast mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig und du hast mir nichts zu trinken gegeben. Einer deiner Bekannten war krank, hättest du ihn besucht, wärst du mir dort begegnet.“

Das heißt, so Khorchide, wenn ich meine Mitmenschen im Stich lasse, lasse ich damit auch Gott im Stich. Mit dieser Aussage kommt er meinem christlichen Verständnis von Sünde sehr nahe.

Ähnlich wie in der jüdischen Religion vergibt Gott auch im Islam nicht stellvertretend, was Menschen einander getan haben. Vergebung bedarf im Islam folgender Schritte: Einsicht, Reue und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit.

Im christlichen Glauben ist es anders. Da vergibt Gott. Damit macht er den Weg zur Versöhnung frei. Bei den Ausführungen des katholischen Theologen höre ich nicht mehr sehr aufmerksam zu. Vermutlich deshalb, weil ich mich in der Vergangenheit ausführlich mit Schuld, Vergebung und Versöhnung beschäftigt habe. Die „Höllenängste“ und das ewig schlechte Gewissen meiner Kindertage kommen mir stattdessen in Erinnerung. Wie kamen Eltern und Lehrer damals eigentlich dazu, derartige Drohkulissen aufzubauen, wo Jesus doch die Liebe gelehrt hat?

Fazit der Veranstaltung:

Lasst das Böse, tut das Gute. Das ist in allen Religionen gleich.

Christa Schwemlein

Erlebt am:
Samstagvormittag, den  28. Mai 2016


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16. Juli 2016

Von Juden, Christen und Muslimen – Fortsetzung Katholikentag 2016

Heute Morgen der interreligiöse und heute Nachmittag der „jüdisch-christliche“ Dialog. Das war viel und wenn ich ehrlich bin auch anstrengend. In meinem normalen Alltag strömt selten so viel Neues in dieser Fülle auf mich ein. Mit meinem Mann bin ich gegen 19.00 Uhr an der Propsteikirche verabredet. Wir wollen an einem Gespräch mit der Schriftstellerin Ulla Hahn und Kardinal Karl Lehmann teilnehmen. Schön, dass mir bis dahin noch etwas unverplante Zeit bleibt. In der Thomaskirche finde ich trotz der hier anwesenden Menschen eine stille Ecke, wo ich ungestört ein bisschen nachdenken kann.

Seltsam, wie sich manche Sätze ins Gedächtnis schreiben. „Für einen Dialog auf Augenhöhe braucht es eine eigene Überzeugung. Wem alles egal ist, der ist ein Waschlappen. Und mit Waschlappen kann man keine Dialoge führen…. „. Das waren deutliche Worte heut’ Früh.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Yasmin während unserer Osttürkeireise mit ähnlichem Tenor. „Die meisten Christen sind im Gespräch mit uns Muslimen zu verschämt und ohne Selbstwertgefühl. Vor Menschen, die sich ihrer eigenen Würde nicht bewusst sind, haben Muslime keine Achtung“, meinte sie damals. So ähnlich klang das heute Morgen in der Diskussion auch durch. Für Dialog und Zusammenleben braucht es Menschen mit eigenem Profil und eigener Identität. Weil Juden selbstbewusster auftreten, gelinge das muslimisch-jüdische Gespräch besser.
Ich muss an Nadine denken, die wegen ihres Engagements immer mal wieder aneckt. Sie macht sich dafür stark, dass neben den muslimischen und jüdischen Festen auch die christlichen an Emilian’s Schule gefeiert werden. Ein Dialog ist wie eine Brücke, die zwei unterschiedliche Positionen verbindet. Damit sie gebaut werden kann, muss an jedem Ufer ein fester Pfeiler stehen. Ein schönes Bild, das ich von heute Morgen mitgenommen habe. Doch wie fest sind eigentlich unsere Brückenpfeiler?

Es hat aufgehört zu nieseln und ich bin nun auf dem Weg zur Propstei. Meinen Mann treffe ich im „Café der Begegnung“. Es ist kurz vor 19.00 Uhr und bis zum Beginn des Gesprächs mit Kardinal Lehmann bleiben uns noch etwa 90 Minuten Zeit. Vielleicht haben wir Glück und kommen noch in das Gospelkonzert, das in Kürze hier im Gemeindesaal stattfinden wird. Wir haben Glück. Die mitreißende Musik der jungen Sängerinnen und Sänger ist jetzt genau das Richtige für mich. Musik verbindet Menschen auf besondere Weise und mich macht sie außerdem froh. :-)

Schade. Es wäre schön gewesen für die hier im Anschluss stattfindende Diskussion sitzen bleiben zu dürfen. Aber wir werden gebeten den Saal zu verlassen und uns, wie alle anderen auch, in die lange Warteschlange draußen einzureihen. Die Chancen das folgende Gespräch im Saal hautnah miterleben zu können, stehen gleich Null. Da das Gespräch ins Freie übertragen wird, nehmen wir auf einer der Bierbänke platz.
Meine Nachbarin schwärmt in den hellsten Tönen vom „lyrischen Stadtrundgang“ mit dem Priester und Dichter Andreas Knapp. Dieser lebt hier in Leipzig und gehört den „Kleinen Brüdern vom Evangelium“ an, einer geistlichen Gemeinschaft, die sich dem spirituellen Erbe von “Charles de Foucaulds” verschrieben hat. Viel mehr Menschen als erwartet hätten sich heute Morgen diesem Rundgang durch Leipzig angeschlossen. Die Texte des Pfarrers zusammen mit den musikalischen Einlagen haben diese Stadtführung für sie, wie sie sagt, zu einem einmaligen Erlebnis gemacht. Andreas Knapp ist mir aus meinem Bücherregal bekannt. Vielleicht bekommt er Morgen für mich ein Gesicht. Um 16.30 Uhr findet noch einmal eine Führung statt. Mal sehn.

20.30 Uhr – Es geht los. Gleich zu Beginn kommt die schlechte Nachricht. Ulla Hahn ist verhindert. Ob dieses Gespräch mich mehr interessiert hätte, wäre sie dabei gewesen? Ich weiß es nicht. Wir verlassen die Veranstaltung vorzeitig und mischen uns auf dem Augustusplatz unter die fröhlich, ausgelassene Menge. Die “Wise Guys” singen. Die bekannte Kölner Acapella-Gruppe singt zum letzten Mal bei einem Katholikentag. Im nächsten Jahr will sich die Gruppe trennen. Mit dem irischen Segenslied „Mögen die Straßen …“ im Ohr bringt uns die Linie 7 wieder nach Hause. Ein toller Tag mit wunderbaren Begegnungen geht langsam zu Ende. An der Hotelbar noch ein Absacker, danach unter die Dusche und ab ins Bett.

Christa Schwemlein
Fortsetzung folgt … 

Erlebt am:
Freitagnachmittag, den 27. Mai 2016


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4. Juli 2016

Ein Katholikentagsgeschenk – Fortsetzung Katholikentag 2016

Es ist seltsam. Juden und Christen stammen aus derselben biblischen Wurzel. Die Tatsache, dass Jesus aus dem jüdischen Volk hervorgegangen ist, stellt eine weitere Verbindung dar. Dennoch habe ich das Gefühl, mehr über den Islam zu wissen als über das Judentum. Na, vielleicht bin ich heute Abend ja gescheiter. Ich verabschiede mich von meinem Mann, wünsche ihm viel Spaß in der “Leipziger Pfeffermühle” und mache mich auf den Weg zum “jüdisch-christlichen Dialog” in Leipzigs Innenstadt.

Sieh, ein Mensch! – Virtuelles wird Reales

Wir kennen uns nun 10 Jahre. Vielleicht auch länger, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Heute soll unsere langjährige “E-Mail-Bekanntschaft” eine persönliche Note bekommen. Der Geist des Katholikentages scheint meine Zweifel der letzten Tage, ob ich zu diesem Treffen gehen soll oder nicht, sprichwörtlich weg geweht zu haben. Ich freu’ mich und bin gespannt, ob das Bild, das ich mir von meinem Blogkollegen gezeichnet habe mit meiner realen Wahrnehmung übereinstimmt. Oder ob diese Begegnung zu einer Desillusionierung führt, zu einer Enttäuschung gar?

Bei echten Begegnungen, so meine ich, ein gutes Gespür für mein Gegenüber zu haben. Da ich im direkten persönlichen Kontakt den Menschen mit all seinen Sinnen wahrnehme, erfahre ich einiges von ihm: Wie er aussieht, wie er riecht, wie er sich kleidet und sich bewegt. Ich spüre, ob er sicher oder unsicher ist und sehe, ob er mir in die Augen schauen kann oder nicht. Stimme, Lachen und Weinen erzählen mir etwas über seine Gefühlslage. Hinzu kommt, dass ich direkt gespiegelt bekomme, wie ich selbst auf mein Gegenüber wirke. All diese Details und viele andere mehr fügen sich wie Puzzleteile zu einem Bild meines Gesprächspartners zusammen.

Diese Informationen fehlen bei einer reinen “E-Mail-Bekanntschaft”. Die Kommunikation reduziert sich bei derartigen Beziehungen ausschließlich auf das geschriebene Wort. Durch den Wegfall der nonverbalen Kommunikation weiß ich nicht sofort, mit wem ich es zu tun habe und ob ich das, was mir mitgeteilt wird, als echt ansehen kann. Online lässt sich die eigene Person ja wunderbar verkaufsfördernd aufpolieren. Selbst auf die Gefahr hin für verrückt gehalten zu werden, habe ich mir eine gesunde Portion Skepsis bewahrt.

Es bleibt also nur der Text, der online zu mir spricht. Und hier liegt auch die Crux. Im Grunde ist es ja nicht der Text, der spricht, sondern ich bin es selbst, die mit mir ein Gespräch führt. Weil ich nur das geschriebene Wort habe, ist es durchaus möglich eigene Vorstellungen und Fantasien auf den Schreiber zu projizieren. So entsteht mit der Zeit ein Phantombild, das der Realität nicht entsprechen muss. Damit dieser Fall nicht eintritt habe ich mir frühzeitig angewöhnt, aufmerksam und sensibel zwischen den Zeilen zu lesen.

Nach dieser kleinen Betrachtung über Online- und Offlinebekanntschaften kehre ich wieder zurück nach Leipzig. Jetzt wird es spannend. Ein letzter Blick in den Spiegel und auf ins Café Spizz. Mein Blogkollege ist bereits da. Wir erkennen und begrüßen uns. Die Atmosphäre des Katholikentages macht es uns leicht miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich erfahre zwar nichts über das Judentum, jedoch ganz im Sinne des Katholikentagmottos, einiges über den Menschen, der mir gegenüber sitzt. Wir tauschen uns über Beruf, Alltag und Erfahrungen von sechs Lebensjahrzehnten aus. Und das ist mir ehrlich gesagt in diesem Moment auch lieber als über religiöse Unterschiede zu diskutieren. Nach drei kurzweiligen Stunden verabschieden wir uns. Mit dem Gefühl, dass diesmal, anders als vor Jahren, Begegnung mit echtem Interesse am Anderen stattgefunden hat, gehe ich weiter. Auch das war Katholikentag – ein Katholikentagsgeschenk.

Hinter mir liegen drei schöne Stunden, die sich wunderbar in mein Katholikentagsprogramm eingefügt haben. Ob es nun ein persönlicher „Austausch“ war, darüber mag ich abschließend nicht nachdenken. Das würde mir das Geschenk der letzten Stunden nur wieder nehmen.

Christa Schwemlein
Fortsetzung folgt …

Erlebt am:
Freitagmittag den 27. Mai 2016


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30. Juni 2016

Alle Menschen gleich? – Fortsetzung Katholikentag 2016

Obwohl ich gestern Abend noch lange gelesen habe, wache ich heute Morgen vor dem Weckerläuten gut ausgeschlafen auf.

Was machen wir heute? Wer die Wahl hat, hat die Qual. Das Angebot ist riesig. Da wir in einer Stadt leben, die religiös vielfältig geworden ist und ich außerdem mit Menschen zusammen arbeite, die in unterschiedlichen Weltanschauungen und Religionen zu Hause sind beschließen wir, diesen Vormittag dem interreligiösen Dialog zu widmen.

Zum vierten Mal fand in diesem Jahr in Mannheim die „Meile der Religionen“ statt. Christen, Juden und Muslime haben am Vorabend von Christi Himmelfahrt zu einem großen Essen an einer gemeinsam gedeckten Tafel in Mannheims Innenstadt eingeladen. Jede und jeder waren willkommen sich an den langen Tisch unter freiem Himmel zu setzen, die kulinarische Vielfalt zu genießen und dabei über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Damit wurde erneut ein Zeichen für ein friedliches Miteinander gesetzt, für das alle drei abrahamitischen Religionen einstehen. Gastgeber waren wie immer die einzelnen Gemeinden mit ihren vielen ehrenamtlichen Helfern. Wegen unserer Zypernreise konnte ich diesmal leider nicht dabei sein. Von dem kurzen Abstecher nach Mannheim nun wieder zurück nach Leipzig.

Alle Menschen gleich? - Ein Streitgespräch zwischen Juden, Muslimen und Christen

Unser Wahl fällt auf eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Alle Menschen gleich?  – Ein Streitgespräch zwischen Juden, Muslimen und Christen“. Die Veranstaltung beginnt um 11.00 Uhr und findet im Begegnungszentrum der hiesigen jüdischen Gemeinde, dem Ariowitsch-Haus, statt.

Wir sind früh dran. Zeit genug für ein Frühstück in der Leibnitzstrasse.

in Leipzig zum 100. Deutschen Katholikentag 2016

Von hier sind es nur wenige Gehminuten zum Veranstaltungsort. Der Weg dorthin führt uns ins elegante Waldstrassenviertel, in dem auffallend viele aufwändig renovierte Gründerzeithäuser und Jugendstilvillen stehen. Kurz vor halb elf reihen wir uns in die Schlange der Wartenden ein und haben Glück einen Platz in der ersten Reihe zu erwischen. Mein Mann fühlt sich hier unwohl und wechselt ein paar Reihen weiter nach hinten. Ein junger Priester freut sich über den freigewordenen Sitzplatz. Er kommt aus dem Markgräflerland, eine von Gott verwöhnte Region, wie er sagt. Wir unterhalten uns prima. Und so vergeht die Zeit bis zum offiziellen Beginn für uns wie im Fluge.

„Alle Menschen gleich?“ Kann man Menschen über einen Kamm scheren? Hm, ich bin gespannt, was da kommt. Schwungvoll und mit viel trockenem Humor führt der Moderator in das Thema ein, stellt die Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Religionen vor und kommt dann auch gleich mit der Frage, sind alle Menschen gleich, zur Sache.

„Gleich vor Gott, ja, und seit der französischen Revolution auch gleich vor dem Gesetz. Und doch ist jeder Mensch anders“, äußert sich der Rabbiner aus Berlin.

„Was meint man mit der Frage, sind alle Menschen gleich?“, stellt die muslimische Theologin in den Raum und antwortet mit einer Gegenfrage. Sie weist darauf hin, dass das Wort Gleichberichtigung im Koran nicht zu finden ist. Stattdessen gibt es Aussagen, die die Gleichwertigkeit aller Menschen begründen und dadurch die Gleichberechtigung anerkennen.

„Wenn vor Gott alle Menschen gleich sind, wie ist es dann mit der Gleichberechtigung der Frauen innerhalb der katholischen Kirche bestellt?“ Diese provokante Frage kommt aus dem Publikum und ist an den dritten in der Runde, den katholischen Moraltheologen gerichtet. Die Gleichheit der Frauen sei auch in der katholischen Kirche gegeben. Seine Antwort begründet er damit, dass Frauen beispielsweise zum Patenamt zugelassen seien. Mit dieser Aussage ist ihm dann auch gelungen, die Runde mit Pfeffer zu versorgen, was er eingangs bei seiner Vorstellung angekündigt hatte. Über die Reaktion im Saal schreibe ich mal lieber nichts.

Wie kommt ein Jude in den Himmel? Was muss er tun um Anspruch auf das ewige Leben zu haben? Wie sieht es mit Schuld und Vergebung in den einzelnen Religionen aus? Wie sind die Aufrufe zur Gewalt in Bibel und Koran zu verstehen? In der kontrovers geführten Diskussion zu diesen Themen gefiel mir am besten die muslimische Theologin. Die Frage, was Christen von Muslimen und Juden lernen können beantwortete sie schlicht mit: „Die Leidenschaft für diese Welt.“

FAZIT

Juden, Christen und Muslime glauben an den einen Gott. Sie sind sich als monotheistische Religionen in Glaubensfragen näher als alle anderen Glaubensgemeinschaften. Und dennoch bleiben letztendlich entscheidende Unterschiede bestehen. Leugnet man diese, so ist der Dialog der Religionen keine Begegnung auf Augenhöhe, die den jeweiligen Dialogpartner mit seiner religiösen Überzeugung respektiert.

Wir müssen uns für einander interessieren und ernst nehmen, die Unterschiede nicht nivellieren, sondern uns ihnen stellen und versuchen, sie wirklich verstehen zu wollen. Dazu braucht es aber eine eigene Überzeugung. Wem alles egal ist, der ist ein Waschlappen. Mit Waschlappen kann man keine Dialoge führen. Mit denen geht man lieber Eisessen. So ähnlich fasste der Moderator die 90 hochinteressanten Minuten zusammen.

Christa Schwemlein
Fortsetzung folgt … 

Erlebt am:
Freitagvormittag, den 27. Mai 2016


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23. Juni 2016

Ein Tag geht zu Ende – Fortsetzung Katholikentag 2016

Gänsehautfeeling! Aus der Ferne kommt mir Leonard Cohens „Hallelujah“ entgegen. Es ist eigenartig, doch Musik berührt etwas in mir, das ich überhaupt nicht beschreiben kann.

Auffallend viele junge Menschen, mit und ohne den grünen Katholikentagsschal, singen, tanzen und feiern hier an der Moritzbastei ausgelassen das Leben. Leipzig macht seinem Ruf, die Stadt der Musik zu sein, alle Ehre. Unterhalb der Bühne, an einer der Biertischgarnituren, finde ich ein freies Plätzchen. Es dauert nicht lange, da bin ich auch schon mit einem Ehepaar aus Dresden im Gespräch. Sie seien zwar keine Christen, bezeichnen sich als Humanisten, aber auf dieses Ereignis hier in Sachsen haben sie sich, nachdem sie zwei Kirchentage in ihrer Heimatstadt hautnah miterlebt haben, richtig gefreut. Irgendwie, so meinen sie, sind solche Tage so etwas wie eine Tankstelle für ihre seit nunmehr fast 30 Jahren bestehende Ehe. Für jeden von Ihnen wird etwas geboten. Er interessiert sich hauptsächlich für die politischen Themen, sie sich mehr für die kulturellen Veranstaltungen dieser Tage. Jeder besucht das seine, danach tauschen sie sich über das Erlebte aus und kommen darüber ins Gespräch. „Das kommt ja im Alltag leider oftmals zu kurz“, bedauert sie. Die Abende lassen sie immer mit einer gemeinsam besuchten Veranstaltung ausklingen. Das sei schon so etwas wie ein Ritual.

„Genauso machen wir das auch,“ klingt sich mein Mann ins Gespräch ein und setzt sich zu uns an den Tisch. Ursprünglich wollte er ins Kabarett, kam jedoch wegen Überfüllung nicht hinein. So hat er umdisponiert, sich für einen Stadtrundgang entschieden, ist hier und da mal stehen geblieben, hat geschaut, erzählt, Musik gehört und ruckzuck war der Nachmittag um. Wir sitzen noch eine Weile mit den beiden zusammen, erzählen uns gegenseitig von unseren Erfahrungen nach der Wende und dann trennen sich unsere Wege. „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“, steht für die Dresdner heute Abend auf dem Programm. Na denn, viel Spaß und natürlich viel Glück!

„Und wir, was machen wir?“, erkundigt sich mein Mann. „Nach all der Kopfarbeit heute, hätte ich Lust auf Musik“. Wir entscheiden uns für Gregor Linßens „Psalm 2016 – Stoßgebet eines Narren“. Das Stück wird in der Leipziger Oper uraufgeführt. Also, nichts wie los. Es könnte voll werden. Lieder von Gregor Linßen sind mir von unseren Gottesdiensten bekannt. Ich bin gespannt.

Der Saal des Opernhauses ist bis auf den letzen Platz besetzt. Wir sitzen oben auf der Empore in der Mitte der ersten Reihe. Von hier haben wir einen wunderbaren Blick auf die Bühne.
„Was hat ein Moslem mit Jesus zu tun?“ Wir erleben ein Musical, das mehr denn je aktuell ist. Das Stück greift die existenziellen Fragen der Menschen und die Vielfalt der Religionen auf. Es erzählt von Begegnungen mit Gott und den Menschen und von Menschen, die Gott ganz anders sehen. Nach 90 spannenden Minuten will der Applaus nicht enden.

Wir verlassen die Oper und sind von dem, was wir sehen, überwältigt. Tausende von Menschen haben mit ihren Kerzen den Augustusplatz in ein Lichtermeer verwandelt. Mit „Light of Christ“ endet für uns ein ereignisreicher  Fronleichnamstag.

Christa Schwemlein

Fortsetzung folgt …

Erlebt am:
Donnerstag, den 26. Mai 2016


Eintrag Nr. 11855 | Kategorie Kirche | 0 Kommentare »




16. Juni 2016

Steh’ auf! – Fortsetzung Katholikentag 2016

Während wir auf unser Essen warten, lassen wir die vergangenen 90 Minuten noch einmal Revue passieren. “Und was Neues entdeckt?”, will meine Bekannte wissen. “Hm, nicht wirklich. Kann es überhaupt neue menschliche Erfahrungen geben? Ich denke die großen existenziellen Fragen sind doch immer die Gleichen”

“Die zentralen Themen unserer Seele auch”, erwidert meine Bekannte. “Angst, Schuld, Leid, Ohnmacht usw. bewegen jeden Menschen, haben Menschen zu allen Zeiten bewegt. Neu kann nur der Umgang mit diesen wichtigen Themen werden.” “Vorausgesetzt, wenn man diesen auch wirklich will,” hake ich ein. “Klar, der Wille zur Veränderung ist natürlich das A+O”, stimmt sie mir lachend zu.

Noch einmal kommen wir auf das zurückliegende Bibliodrama zu sprechen. Wir fragen uns, warum manche Menschen wie gelähmt liegen bleiben, weshalb es ihnen einfach nicht gelingen will „aufzustehen“, sprich das zu tun, was notwendig wäre, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen oder aus einer verfahrenen Situation wieder heraus zu kommen. Sind es die Anderen, die sie hindern oder gibt es in ihnen selbst etwas, was sie wie automatisch auf der „Verlierer“ –Seite leben lässt? Was ist es, was sie lähmt?

Wir sprechen von der Angst, die lähmt und über unsere eigenen Lähmungen, die uns in der Vergangenheit zu schaffen machten. Doch diese sehr persönlichen Informationen, die meine Bekannte und mich betreffen, mag und will ich hier nicht nieder schreiben. Dankbar stellen wir abschließend fest, heute, 10 Jahre nach Spiekeroog, an einem anderen Punkt unserer Lebensgeschichte zu stehen. Wir sind dankbar, dass wir Menschen fanden, die uns geholfen haben, dass uns das Leben und der Glaube wieder aufs Neue gefallen.

Inzwischen steht unsere leibliche Nahrung auf dem Tisch: Sauerbraten, Rotkohl und Klöße. Sie sehen, ein Katholikentag  geht auch durch den Magen. Dazu ein lecker Köstrizer. Prost!

Die Bahn bringt uns wieder zurück in die City. Es ist ein schöner Nachmittag: Überall in der Stadt Musik und Leben, eine Atmosphäre zum verlieben. Wir gehen noch einmal zur Kirchenmeile, um ins Zelt der Organisation, für die wir beide ehrenamtlich tätig sind, zu schauen. Außer den beiden ostdeutschen Kollegen ist niemand im Zelt. Wir freuen uns auf das Kennenlernen und den Austausch mit unseren Kollegen. Mit einem freudigen „Guten Tag.“ begrüßen wir die beiden und stellen uns vor. „Guten Tag“, grüßen sie kurz und knapp zurück. Das war’s. Soviel zum Austausch zwischen Ost und West.

Langsam wird es Zeit für uns Abschied zu nehmen. Meine Bekannte trifft sich mit ihrem Mann zu „Gospel and Soul“ im Felsenkeller und ich bin mit meinem an der Moritzbastei verabredet. Ein letzte Umarmung, alles Gute und Aufwiedersehen.

Ich kaufe mir eine Kugel Schokoeis, marschiere mit meiner Eistüte in der Hand Richtung Moritzbastei und denke: Was für ein dichter Tag. Heute Morgen die „Open-Air-Messfeier“, heute Mittag das Eintauchen in die Bibel und er ist noch nicht zu Ende. Fast hätte ich das anstehende Telefonat vergessen. Auf einmal sind sie wieder da, die Worte von heute Früh: „Wagen Sie es mit den Menschen wunderbare Erlebnisse zu machen! Wagen Sie es immer wieder neu auf wunderbare Weise den Menschen zu entdecken und Gott in den Menschen. Wagen Sie es immer wieder neu!“ Das klingt ja fast wie nach „Steh auf!“, dem roten Faden, der sich bis jetzt durch mein Leben zog und ein bisschen zu meinem Lebensmotto geworden ist.

„Steh auf! Wagen Sie es immer wieder neu!” Na, wenn das keine Zeichen sind. Ich krame mein Smartphone aus dem Rucksack und wähle: 0151 … .. …

Christa Schwemlein

Fortsetzung folgt …

Erlebt am:
Donnerstag,  den 26. Mai 2016


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10. Juni 2016

DRAMA beim Katholikentag – Fortsetzung Katholikentag 2016

Um 13.00 Uhr bin ich am Eingang der „Anton-Philipp-Reclam-Schule“ zu einem Bibliodrama verabredet. Meine Bekannte wartet bereits auf mich. Wir freuen uns auf einen Kaffeeklatsch. Doch von einem Café, wie im Programmheft beschrieben, ist weit und breit nichts zu sehen. Wir fragen die jungen Helfer. Deren erstaunte und fragende Blicke sagen uns, dass sie uns nicht weiterhelfen können. Also gehen wir gleich in das Klassenzimmer, in dem das Bibliodrama stattfinden wird. Es gibt nur noch wenige freie Plätze. In Anbetracht unserer gemeinsamen Erfahrung auf Spiekeroog haben wir uns für eine Heilungsgeschichte aus dem Neuen Testament und nicht, wie von mir ursprünglich angedacht, für „Abraham“, einem alttestamentlichen Bibeltext, entschieden. Wir sind gespannt, was sich seit Spiekeroog verändert hat, ob sich etwas verändert hat?

(Da ich gefragt wurde, was ein Bibliodrama ist, was man sich darunter vorstellen kann, versuche ich hier mal eine Erklärung anhand eines praktischen Beispiels, so wie ich es während des Katholikentages erlebt habe. Ich hoffe, dass mir dies einigermaßen verständlich gelingt.)


Was ist ein BiblioDRAMA

„Ein Bibliodrama ist eine kreativ-darstellende Zugangsweise zu den alten biblischen Texten und gleichzeitig zur eigenen Persönlichkeit“, so Wikipedia.

Das Bibliodrama hat sich Anfang der 70ger Jahre entwickelt und ist vom Psychodrama abgeleitet. Beide, sowohl Psycho- als auch Bibliodrama sind mir nicht fremd. In der Vergangenheit habe ich an mehreren teilgenommen und unterschiedliche Methoden kennen gelernt. Dabei handelte es sich immer um mehrtägige Seminare mit einer maximalen Teilnehmerzahl. Vieles war ähnlich, manches sogar gleich.
Da ein Bibliodrama nicht nur eine Methode der Bibelarbeit, sondern auch eine Methode von Seelsorge darstellt, setzt jede Leitungsperson andere Akzente. 90 Minuten erscheinen mir wenig. Ich bin echt gespannt, was in der kurzen Zeit hier passieren wird.

Die Heilung des Gelähmten (Mk 2,1-12) – im Bibliodrama

Die Aufwärmphase

Wir lernen einander kennen

Der Leiter unseres Bibliodramas stellt sich kurz vor. Er macht einen sympathischen Eindruck. Ein lustiges Ballspiel hilft uns beim gegenseitigen kennenlernen. Nach 15 Minuten werde ich unruhig.

Nach dem Kennenlernen haben wir die Qual der Wahl. Wir müssen uns für eine von fünf ausgewählten Heilungsgeschichten entscheiden. Die Mehrheit der Teilnehmer möchte “Die Heilung des Gelähmten“ (Mk 2,1-12) behandeln. Ich bin enttäuscht. Was soll da Neues für mich kommen? Diese Geschichte ist mir bis zum Abwinken bekannt.

Wir hören und meditieren

Der Bibeltext ist Grundlage eines Bibliodramas. Zunächst liest uns der Leiter den Text versweise vor. Wir hören zu. Wir hören den Text ein zweites Mal. Danach lesen wir die Verse reihum selbst. Ähnlich dem „Bibel-Teilen“, teilen wir nun der Gruppe die Worte mit, die uns besonders angesprochen oder berührt haben.

Nun kommen wir in Bewegung. Wir gehen, laufen und hüpfen kreuz und quer durch das kleine Klassenzimmer. Dabei meditieren wir unsere Worte, mal laut und mal leise, mal mit und mal ohne Gestik. Bei dieser Sequenz fühle ich mich unwohl. Ich komme mir so albern vor. „Jetzt lass dich doch darauf ein,“ flüstert meine Bekannte mir zu. Ich reiß’ mich am Riemen und bin dennoch heilfroh, als dieses „Warming-up“ beendet ist.

Die Spielphase

Wir wählen unsere Rollen und positionieren uns

In der zweiten Phase, der sogenannten Spielphase, identifizieren wir uns mit einer biblischen Rolle, entweder einer personalen oder einer a-personalen. Das heißt, eine Rolle kann eine Person, ein Gegenstand, ein Zustand oder eine Handlung aus der Geschichte sein. Doppelbelegungen der Rollen dürfen sein. In welche Rolle möchte ich mich einfühlen? In den „Gelähmten“, den „Freund“, die „Bahre“, das „Dach“, die „Menge“ oder gar in „Jesus“ selbst? Die Geschichte bietet viel an. Es dauert eine Weile bis ich die Rolle gefunden habe, in die ich mich heute einleben möchte. „Ich bin die Kraft“, rufe ich als letzte in die Runde.

„Jesus“, der „Gelähmte“, die „Kraft“ und die „Vergebung“ sind nur einmal belegt. Alle anderen Rollen sind mehrfach besetzt. „Die Kraft des Herrn“ stellt sich im Doppelpack neben mich in die Mitte des Raumes. „Kraft zu Kraft“, meinen die beiden „Ich wäre gerne nur Kraft,“ gebe ich den beiden zu verstehen. Die „Kraft des Herrn“ lässt mich stehen und sucht sich einen anderen Platz, nahe bei „Jesus“, der sich an der einen Seite des Zimmers unterhalb der Tafel positioniert hat. In unmittelbarer Nähe befinden sich die „Schriftgelehrten“ und die „Menge“.

Wir spielen

Nachdem wir alle unsere Rollen eingenommen haben, setzen wir das Spiel in Szene. Während die „Menge“ sich neugierig um „Jesus“ drängt, machen sich die „Freunde“ mit dem „Gelähmten“ auf den Weg. Wie in der Perikope beschrieben, haben sie auch in unserem Spiel keine Chance zu ihm durchzudringen. Inzwischen haben sich die „Schriftgelehrten“ unter die Menge gemischt und legen sich mit „Jesus“ an. Von meinem Standort kann ich das Treiben rund um „Jesus“ gut beobachten. Das Spiel fängt an mir Spaß zu machen.

Von Hinten aus einer Ecke des Raumes meldet sich die „Vergebung“ zu Wort. Sie fühlt sich überflüssig und möchte aus dem Spiel aussteigen. Ich muss lachen. „Kein Wunder, wir haben ja auch keine Sünde “, platze ich ungefragt heraus. Für einen kurzen Moment wird es ruhig im Raum. Verdutzte Gesichter schauen in die Runde. Tatsächlich, die Rolle der „Sünde“, ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte, ist nicht belegt. Es ist wie es ist. Wir spielen weiter ….

Inzwischen haben die „Freunde“ es geschafft, den „Gelähmten“ „Jesus“ direkt vor die Füße zu legen. Sie bitten und flehen „Jesus“ an, ihren Freund gesund zu machen. „Jesus“ bleibt stumm. Die „Menge“ mischt sich ein, bittet ebenfalls um Hilfe, auch die „Schriftgelehrten“. Pausenlos reden sie auf „Jesus“ ein und immer das Gleiche. Doch nichts passiert. „Jesus“ bleibt nach wie vor stumm.
Die „Kraft des Herrn“ holt einen Stuhl, stellt ihn hinter “Jesus”, besteigt diesen und rezitiert immer wieder die Worte: „Kraft des Herrn, Kraft des Herrn ….“. Dabei kreisen ihre Arme um „Jesus“ Kopf. Alle schauen gespannt auf „Jesus“.

Allmählich bekomme ich Mitleid mit “Jesus”. Wie gelähmt steht er da. Mir kommt es vor, als wäre er in die Rolle des „Gelähmten“ geschlüpft. Das Spiel spitzt sich zu. Die Spannung steigt. Es macht etwas mit mir. Ich melde mich, würde gerne etwas sagen. Keine Chance. Ich komme nicht zu Wort. Alle reden durcheinander. Das Spiel hat sich verselbständigt. Ich werde unruhig. Der Leiter scheint dies zu spüren. Er signalisiert mir, dass ich auch ohne Wortmeldung etwas sagen darf. Befreiung!

„Ich platz’ bald”, rufe ich unbeherrscht in die Gruppe. Schweigen. „Sieht den niemand von euch, dass der arme Kerl da vorne nicht mehr kann?“ Während ich dies ausspreche überschlägt sich meine Stimme. Ich verlasse meinen Standort, gehe auf die Gruppe zu, bahne mir einen Weg durch die „Menge“, fasse die Hand des „Gelähmten“, ziehe  ihn hoch und sage barsch: „Mach, und steh’auf!“ Erschrocken über meinen Befehlston setze ich, fast ein bisschen entschuldigend, nach: „Komm, du schaffst das.“…….

„Klasse“, höre ich einen der „Freunde“ rufen. An dieser Stelle bricht der Leiter das Spiel ab. Unsere Spielzeit ist um. Doch bevor er die „Spielphase“ offiziell beendet, wendet er sich an „Jesus“ und fragt ihn, ob er etwas sagen möchte.

Die Reflexionsphase

Wir „entrollen“ uns, das heißt, wir verlassen die zu Spielbeginn eingenommenen Idenditäten. Ich bin nun wieder die Christa, hier in der„Anton-Philipp-Reclam-Schule“ während des Katholikentages in Leipzig.

Unser Leiter ist von dem, was sich in den vergangenen 90 Minuten zugetragen hat, spürbar beeindruckt. In unserem Spiel, so meint er, sei ein Spiegelbild unserer Gesellschaft entstanden. Er bedankt sich für das Vertrauen, das wir ihm durch unsere Offenheit entgegengebracht haben. Da ein Bibliodrama oft Unbeachtetes ans Licht bringt, könne es durchaus sein, dass bei dem Einen oder Anderen Gesprächs- oder Klärungsbedarf bestehe. Dafür bietet er seine Pause an.

In Anbetracht der knappen Zeit ist diese letzte Phase, in meinen Augen die wichtigste Phase, kurz ausgefallen. Für eine Reflektion wie wir uns selbst und die anderen im Spiel wahrgenommen haben und wie wir das Erlebte in unsere eigene Lebensgeschichte einordnen können blieb leider keine Zeit.

Neugierig?

Dann hören Se sich doch einmal um. Vielleicht gibt es ein Angebot in Ihrer Nähe. Gehen Sie hin! Es lohnt sich! Sie erfahren viel über sich selbst, über andere und ihre Beziehung zu ihnen. Alles was Sie dazu brauchen ist die Freude am Spiel und den Mut, sich selbst zu begegnen.

Christa Schwemlein

Fortsetzung folgt …

Erlebt am:
Donnerstag, den 26. Mai 2016


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