10. Juni 2016 von Christa

DRAMA beim Katholikentag – Fortsetzung Katholikentag 2016

Um 13.00 Uhr bin ich am Eingang der „Anton-Philipp-Reclam-Schule“ zu einem Bibliodrama verabredet. Meine Bekannte wartet bereits auf mich. Wir freuen uns auf einen Kaffeeklatsch. Doch von einem Café, wie im Programmheft beschrieben, ist weit und breit nichts zu sehen. Wir fragen die jungen Helfer. Deren erstaunte und fragende Blicke sagen uns, dass sie uns nicht weiterhelfen können. Also gehen wir gleich in das Klassenzimmer, in dem das Bibliodrama stattfinden wird. Es gibt nur noch wenige freie Plätze. In Anbetracht unserer gemeinsamen Erfahrung auf Spiekeroog haben wir uns für eine Heilungsgeschichte aus dem Neuen Testament und nicht, wie von mir ursprünglich angedacht, für „Abraham“, einem alttestamentlichen Bibeltext, entschieden. Wir sind gespannt, was sich seit Spiekeroog verändert hat, ob sich etwas verändert hat?

(Da ich gefragt wurde, was ein Bibliodrama ist, was man sich darunter vorstellen kann, versuche ich hier mal eine Erklärung anhand eines praktischen Beispiels, so wie ich es während des Katholikentages erlebt habe. Ich hoffe, dass mir dies einigermaßen verständlich gelingt.)


Was ist ein BiblioDRAMA

„Ein Bibliodrama ist eine kreativ-darstellende Zugangsweise zu den alten biblischen Texten und gleichzeitig zur eigenen Persönlichkeit“, so Wikipedia.

Das Bibliodrama hat sich Anfang der 70ger Jahre entwickelt und ist vom Psychodrama abgeleitet. Beide, sowohl Psycho- als auch Bibliodrama sind mir nicht fremd. In der Vergangenheit habe ich an mehreren teilgenommen und unterschiedliche Methoden kennen gelernt. Dabei handelte es sich immer um mehrtägige Seminare mit einer maximalen Teilnehmerzahl. Vieles war ähnlich, manches sogar gleich.
Da ein Bibliodrama nicht nur eine Methode der Bibelarbeit, sondern auch eine Methode von Seelsorge darstellt, setzt jede Leitungsperson andere Akzente. 90 Minuten erscheinen mir wenig. Ich bin echt gespannt, was in der kurzen Zeit hier passieren wird.

Die Heilung des Gelähmten (Mk 2,1-12) – im Bibliodrama

Die Aufwärmphase

Wir lernen einander kennen

Der Leiter unseres Bibliodramas stellt sich kurz vor. Er macht einen sympathischen Eindruck. Ein lustiges Ballspiel hilft uns beim gegenseitigen kennenlernen. Nach 15 Minuten werde ich unruhig.

Nach dem Kennenlernen haben wir die Qual der Wahl. Wir müssen uns für eine von fünf ausgewählten Heilungsgeschichten entscheiden. Die Mehrheit der Teilnehmer möchte “Die Heilung des Gelähmten“ (Mk 2,1-12) behandeln. Ich bin enttäuscht. Was soll da Neues für mich kommen? Diese Geschichte ist mir bis zum Abwinken bekannt.

Wir hören und meditieren

Der Bibeltext ist Grundlage eines Bibliodramas. Zunächst liest uns der Leiter den Text versweise vor. Wir hören zu. Wir hören den Text ein zweites Mal. Danach lesen wir die Verse reihum selbst. Ähnlich dem „Bibel-Teilen“, teilen wir nun der Gruppe die Worte mit, die uns besonders angesprochen oder berührt haben.

Nun kommen wir in Bewegung. Wir gehen, laufen und hüpfen kreuz und quer durch das kleine Klassenzimmer. Dabei meditieren wir unsere Worte, mal laut und mal leise, mal mit und mal ohne Gestik. Bei dieser Sequenz fühle ich mich unwohl. Ich komme mir so albern vor. „Jetzt lass dich doch darauf ein,“ flüstert meine Bekannte mir zu. Ich reiß’ mich am Riemen und bin dennoch heilfroh, als dieses „Warming-up“ beendet ist.

Die Spielphase

Wir wählen unsere Rollen und positionieren uns

In der zweiten Phase, der sogenannten Spielphase, identifizieren wir uns mit einer biblischen Rolle, entweder einer personalen oder einer a-personalen. Das heißt, eine Rolle kann eine Person, ein Gegenstand, ein Zustand oder eine Handlung aus der Geschichte sein. Doppelbelegungen der Rollen dürfen sein. In welche Rolle möchte ich mich einfühlen? In den „Gelähmten“, den „Freund“, die „Bahre“, das „Dach“, die „Menge“ oder gar in „Jesus“ selbst? Die Geschichte bietet viel an. Es dauert eine Weile bis ich die Rolle gefunden habe, in die ich mich heute einleben möchte. „Ich bin die Kraft“, rufe ich als letzte in die Runde.

„Jesus“, der „Gelähmte“, die „Kraft“ und die „Vergebung“ sind nur einmal belegt. Alle anderen Rollen sind mehrfach besetzt. „Die Kraft des Herrn“ stellt sich im Doppelpack neben mich in die Mitte des Raumes. „Kraft zu Kraft“, meinen die beiden „Ich wäre gerne nur Kraft,“ gebe ich den beiden zu verstehen. Die „Kraft des Herrn“ lässt mich stehen und sucht sich einen anderen Platz, nahe bei „Jesus“, der sich an der einen Seite des Zimmers unterhalb der Tafel positioniert hat. In unmittelbarer Nähe befinden sich die „Schriftgelehrten“ und die „Menge“.

Wir spielen

Nachdem wir alle unsere Rollen eingenommen haben, setzen wir das Spiel in Szene. Während die „Menge“ sich neugierig um „Jesus“ drängt, machen sich die „Freunde“ mit dem „Gelähmten“ auf den Weg. Wie in der Perikope beschrieben, haben sie auch in unserem Spiel keine Chance zu ihm durchzudringen. Inzwischen haben sich die „Schriftgelehrten“ unter die Menge gemischt und legen sich mit „Jesus“ an. Von meinem Standort kann ich das Treiben rund um „Jesus“ gut beobachten. Das Spiel fängt an mir Spaß zu machen.

Von Hinten aus einer Ecke des Raumes meldet sich die „Vergebung“ zu Wort. Sie fühlt sich überflüssig und möchte aus dem Spiel aussteigen. Ich muss lachen. „Kein Wunder, wir haben ja auch keine Sünde “, platze ich ungefragt heraus. Für einen kurzen Moment wird es ruhig im Raum. Verdutzte Gesichter schauen in die Runde. Tatsächlich, die Rolle der „Sünde“, ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte, ist nicht belegt. Es ist wie es ist. Wir spielen weiter ….

Inzwischen haben die „Freunde“ es geschafft, den „Gelähmten“ „Jesus“ direkt vor die Füße zu legen. Sie bitten und flehen „Jesus“ an, ihren Freund gesund zu machen. „Jesus“ bleibt stumm. Die „Menge“ mischt sich ein, bittet ebenfalls um Hilfe, auch die „Schriftgelehrten“. Pausenlos reden sie auf „Jesus“ ein und immer das Gleiche. Doch nichts passiert. „Jesus“ bleibt nach wie vor stumm.
Die „Kraft des Herrn“ holt einen Stuhl, stellt ihn hinter “Jesus”, besteigt diesen und rezitiert immer wieder die Worte: „Kraft des Herrn, Kraft des Herrn ….“. Dabei kreisen ihre Arme um „Jesus“ Kopf. Alle schauen gespannt auf „Jesus“.

Allmählich bekomme ich Mitleid mit “Jesus”. Wie gelähmt steht er da. Mir kommt es vor, als wäre er in die Rolle des „Gelähmten“ geschlüpft. Das Spiel spitzt sich zu. Die Spannung steigt. Es macht etwas mit mir. Ich melde mich, würde gerne etwas sagen. Keine Chance. Ich komme nicht zu Wort. Alle reden durcheinander. Das Spiel hat sich verselbständigt. Ich werde unruhig. Der Leiter scheint dies zu spüren. Er signalisiert mir, dass ich auch ohne Wortmeldung etwas sagen darf. Befreiung!

„Ich platz’ bald”, rufe ich unbeherrscht in die Gruppe. Schweigen. „Sieht den niemand von euch, dass der arme Kerl da vorne nicht mehr kann?“ Während ich dies ausspreche überschlägt sich meine Stimme. Ich verlasse meinen Standort, gehe auf die Gruppe zu, bahne mir einen Weg durch die „Menge“, fasse die Hand des „Gelähmten“, ziehe  ihn hoch und sage barsch: „Mach, und steh’auf!“ Erschrocken über meinen Befehlston setze ich, fast ein bisschen entschuldigend, nach: „Komm, du schaffst das.“…….

„Klasse“, höre ich einen der „Freunde“ rufen. An dieser Stelle bricht der Leiter das Spiel ab. Unsere Spielzeit ist um. Doch bevor er die „Spielphase“ offiziell beendet, wendet er sich an „Jesus“ und fragt ihn, ob er etwas sagen möchte.

Die Reflexionsphase

Wir „entrollen“ uns, das heißt, wir verlassen die zu Spielbeginn eingenommenen Idenditäten. Ich bin nun wieder die Christa, hier in der„Anton-Philipp-Reclam-Schule“ während des Katholikentages in Leipzig.

Unser Leiter ist von dem, was sich in den vergangenen 90 Minuten zugetragen hat, spürbar beeindruckt. In unserem Spiel, so meint er, sei ein Spiegelbild unserer Gesellschaft entstanden. Er bedankt sich für das Vertrauen, das wir ihm durch unsere Offenheit entgegengebracht haben. Da ein Bibliodrama oft Unbeachtetes ans Licht bringt, könne es durchaus sein, dass bei dem Einen oder Anderen Gesprächs- oder Klärungsbedarf bestehe. Dafür bietet er seine Pause an.

In Anbetracht der knappen Zeit ist diese letzte Phase, in meinen Augen die wichtigste Phase, kurz ausgefallen. Für eine Reflektion wie wir uns selbst und die anderen im Spiel wahrgenommen haben und wie wir das Erlebte in unsere eigene Lebensgeschichte einordnen können blieb leider keine Zeit.

Neugierig?

Dann hören Se sich doch einmal um. Vielleicht gibt es ein Angebot in Ihrer Nähe. Gehen Sie hin! Es lohnt sich! Sie erfahren viel über sich selbst, über andere und ihre Beziehung zu ihnen. Alles was Sie dazu brauchen ist die Freude am Spiel und den Mut, sich selbst zu begegnen.

Christa Schwemlein

Fortsetzung folgt …

Erlebt am:
Donnerstag, den 26. Mai 2016


Der Beitrag wurde am Freitag, den 10. Juni 2016 um 22:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter Geschichten, Kirche, Kleine Bibelkunde abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 11787 | Kategorie Geschichten, Kirche, Kleine Bibelkunde | 2 Kommentare »





2 Reaktionen zu “DRAMA beim Katholikentag – Fortsetzung Katholikentag 2016”

  1. Menachem

    Das ist interessant, Christa. Den Begriff “Psychodrama” kannte ich bisher noch nicht und habe ihn gleich mal gegoogelt. Werde mich in nächster Zeit mal intensiver damit beschäftigen, zumal es auch hier in Leipzig Angebote dazu gibt.

    Es ist leider schon 8 – 10 Jahre her, dass ich die letzten und sehr ähnlichen Veranstaltungen/Kurse dazu besucht habe. Diese Tage ruhen in schönster Erinnerung in mir. Ich glaube es ist nun Zeit für mich, diesen Faden dazu wieder neu aufzunehmen.

    Ein schönes Wochenende dir und Familie wünscht aus Leipzig,
    Menachem

  2. Christa

    Das ist es auch Menachem, selbst dann, wenn man denkt es kann nichts Neues kommen. Diese Erfahrung durfte ich in Leipzig mal wieder machen. Es geschieht zwar nichts wirklich Neues. Die großen existenziellen Erfahrungen dürften immer die gleichen sein. Interessant ist, dass das Ergebnis, je nachdem an welchem Punkt ich in meiner Lebensgeschichte stehe, immer anders aussieht. Selbst dann, wenn ich denke die Geschichte ist bis zum Abwinken bekannt. Also, nur zu. Ich würd’ mich freuen irgendwann mal in deinem Blog von deinen Erfahrungen zu lesen.

    Auch dir und deiner Familie wünsche ich ein schönes Wochenende.
    Christa

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