29. März 2009 von Christa

Melancholisches ….

Wie anfangen, wenn man viel zu erzählen hat, aber keinen Anfang findet? Seit Tagen möchte ich von meinem kleinen Theologiestudium berichten, mit dem ich mir auf meine alten Tage hin einen Jugendtraum erfüllen konnte.

Der „Theologische Kurs Freiburg” ist ein kleines Theologiestudium, das Theologie so vermittelt, wie sie an der Universität gelehrt wird.

Im Sommer 2006 machte ich mich mit ca. 156 weiteren Lernwilligen auf den Weg. Wir waren ein bunt gemischter Haufen von Männern und Frauen in allen Altersklassen. Zu den Studientagen trafen wir uns einmal im Monat in Eppelheim, immer samstags.

Den Auftakt bildete Frau Dr. Kubina, die uns in die Geheimnisse des Alten- oder Ersten- Testamentes einführte. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber unsere Dozentin hat es doch tatsächlich fertig gebracht, dass ich am Ende ihrer Einheit endlich einen Zugang zu diesen alten Texten fand.

Zwischen den Studientagen trafen wir uns zusammen mit unserem Mentor in kleinen örtlichen Arbeitskreisen, um das Gehörte aufzuarbeiten. Ansonsten war viel persönliches Studium angesagt. Nach jedem Studientag mussten Hausarbeiten geschrieben werden, die, wie zu Schulzeiten, benotet wurden. Die einzelnen Fächerblöcke schlossen mit mündlichen und schriftlichen Prüfungen ab. Plötzlich war ich wieder  Schülerin, genau wie früher. Es war befremdlich vor einem Prüfungskomitee zu sitzen, das sich manchmal aus Menschen zusammensetzte, die meine Kinder hätten sein können.

glaubenstruhe_bearbeitet-1Vor drei Wochen war er dann  da, der Tag, dem wir alle so sehr entgegen fieberten. Die letzten Prüfungen sind gut gelaufen und ich bin, wenn ich das in aller Unbescheidenheit mal sagen darf, bei meiner letzen Prüfung geradezu zur Hochform aufgelaufen. Ich bin kein politischer Mensch, aber den Bogen von den Propheten des Alten Testamentes in unsere heutige Zeit zu spannen ist eines meiner Lieblingsthemen und  fiel mir nicht schwer. Ich hätte stundenlang referieren und mich ereifern können. Ob es Zufall war, dass ich gerade zu diesem Thema befragt wurde?

Mit einem Gläschen Sekt stießen wir im Hof der Regionalstelle auf unsere bestandene Prüfung an: Der Martin, die Maria, die Elisabeth und ich. Zusammen haben wir einen Berg bestiegen und waren am 7. März 2009 um 10.40 Uhr auf dem Gipfel angekommen. Fünf von uns haben unterwegs kehrt gemacht. Für einige von ihnen war die Strecke zu beschwerlich, manche haben sich für einen anderen Weg entschieden.
Die Freude, wie sie nach den einzelnen Zwischenprüfungen aufkam, hatte sich nach bestandener Abschlussprüfung bei keinem von uns eingestellt. Wir waren zwar am Ziel, aber gleichzeitig war uns auch bewusst, dass es jetzt Abschiednehmen heißt. Abschiednehmen von vielen netten und gleich gesinnten Menschen. Abschied auch von Pièrre, dem allerbesten Mentor, den ich mir nur vorstellen kann. Von ihm wurden wir durch das Studium begleitet, motiviert und aufgerichtet, wenn wir gerade mal wieder einen Durchhänger hatten. Ein großes Anliegen war ihm, dass wir auch als Gruppe zusammenwuchsen.

Wehmütig denke ich an unsere gemeinsamen Ausflüge nach Heppenheim und Baden-Baden, an den weinseligen Abend in einer der urigen Besenwirtschaften in Laudenbach oder das Racletteessen gemeinsam mit unseren Ehepartnern, die diese Ausbildung mitgetragen haben. Ein ganz dickes DANKE an euch! Ohne eure Unterstützung und Rücksichtnahme hätten wir das bestimmt nicht so gut gemeistert.

Oft wurde ich gefragt: „Warum machst du das?“ oder „Was bist du jetzt eigentlich?“ Es sind genau die gleichen Fragen, die mir zu Beginn meiner „öffentlichen Schreiberei“ gestellt wurden. Deshalb gebe ich auch die gleichen Antworten, die hier nachzulesen sind.

Hm… was bin ich jetzt eigentlich? Etwas flapsig würde ich jetzt antworten: „Um genau vier prall gefüllte LEITZ-Ordner und viele, viele Bücher gescheiter. Mehr aber auch nicht.“ Mit 56 Jahren wird man als Frau in der katholischen Kirche nichts mehr. Dennoch war diese Ausbildung nicht umsonst. Ich bereue keinen Tag, den ich mit lernen verbrachte. Lehrende und Lernende stehen immer auf der Seite der Freiheit.  Heute habe ich auf diesem theologischen Gebiet mehr Fragen als Antworten. Das ist auch gut so, denn so frage ich immer weiter.

Seit vielen Jahren arbeite ich als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei einer Beratungsstelle in ökumenischer Trägerschaft. In letzter Zeit mehren sich die Gespräche um Glauben und Kirche. Ich beobachte, dass Religion wieder ein öffentliches Thema wird. Es macht mir Freude, dass ich jetzt, nach dieser Ausbildung, mit den Menschen kritisch und wohlwollend über Gott nachdenken und vernünftig von und über Gott reden kann.
Es ist schön und bereichernd zugleich, sich mit Menschen verbunden zu fühlen, mit ihnen Wege zu gehen und Entwicklungen mitzubekommen, mich als Wegbegleiter verstehen zu dürfen. Für manche mag sich dies verrückt anhören. Aber diese Ausbildung hat mir viele Türen geöffnet, nicht nur für mich persönlich, auch für meine ehrenamtliche Arbeit, wofür ich sehr dankbar bin.

Sie fragen sich vielleicht, weshalb ich für diesen Beitrag eine kleine Schatztruhe ausgewählt habe? Nun, der “Theologische Kurs” ist ein Wissenkurs – kein Glaubenskurs. “Sie nehmen jetzt ihren Glauben, packen diesen in ein Kästchen, versehen ihn mit einer Schleife und öffnen das Kästchen erst nach Ende des Studiums wieder. Danach schauen Sie,  was noch passt, angepasst oder abgelegt werden muss”. Genau dies wurde uns zu Beginn des Kurses nahegelegt.
Seit drei Wochen bin ich nun am auspacken und prüfen und laufe im Moment neben der Spur. Manchmal wünsche ich mir meine Überzeugungen von vor drei Jahren zurück. Selbst unser „Vaterunser Kurs“ vermag diese Leere, die ich im Moment empfinde, nicht zu füllen.

So vieles hatte ich mir für die Zeit „danach“ vorgenommen. Beiträge wollte ich schreiben. Jetzt stelle ich fest, dass ich die meiste Lust zum Beiträge schreiben immer dann verspürte, wenn ich gerade eine Hausarbeit schreiben musste oder für eine Prüfung zu lernen hatte.

Seit vierzehn Tagen faste ich, nicht nur, um mich von den Pfunden zu trennen, die mir das Studium bescherte, sondern auch, um wieder zu meiner Mitte zurückzufinden.

Wann und ob es hier auf meinen ver-rueckten Seiten wieder regelmäßig weitergehen wird, kann ich im Moment nicht sagen. Viele Beiträge liegen als Entwürfe gespeichert in meiner Word-Datei. Aber kein einziger will mir für eine Veröffentlichung gefallen. Eines habe ich mir allerdings noch fest vorgenommen. Meine Blogroll soll in den nächsten Tag wieder bestückt werden, damit meine treuen Leser auch in den Zeiten der „Stille“ etwas zu lesen haben.

Herzliche Grüße
Christa Schwemlein :-)

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 29. März 2009 um 23:14 Uhr veröffentlicht und wurde unter Eigene Gedanken zu..., Fasten, In eigener Sache, Kirche, Kleine Bibelkunde abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 1570 | Kategorie Eigene Gedanken zu..., Fasten, In eigener Sache, Kirche, Kleine Bibelkunde | 9 Kommentare »





9 Reaktionen zu “Melancholisches ….”

  1. Carmen Fischer

    Sehr schön und interresant geschrieben daß ist auch mein Thema Theologie habe gehört daß man an der Uni in Mannheim ein Seniorenstudium machen kann . Es kostet 150 Euro . Ist ein ganz heißes Thema für mich und ich rede gerne darüber . Schöne Zeit Frau Schwemmlein immer wieder schön ihre verrückte Seite………..

  2. ver-rueckt » Blog Archiv » Wandel und Loslassen

    [...] Merken Sie was? Mir fällt wieder alles Mögliche und Unmögliche ein, um nur ja nicht an meiner Situationsanalyse weiterarbeiten zu müssen. Genau wie damals. [...]

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    [...] ich mich für die Zeit des „Theologischen Kurses“ (2006-2009) aus der aktiven Gemeindearbeit zurückzog fingen die Aktivitäten an einzuschlafen. [...]

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