15. November 2008 von Christa

Geschichten, die das Leben scheibt – Loslassen!

nadine.jpgGeschichten die das Leben schreibt sind bekanntlich die schönsten. Eine davon, Nadines Geschichte, möchte ich heute erzählen. Nadine ist meine Kollegin aus dem Autohaus, mit der ich seit ungefähr 10 Jahren zusammen arbeite.

Seit längerer Zeit wünschte sich Nadine zusammen mit ihrem Mann vergeblich ein Kind. Rat und Hilfe suchte sie im Internet. Sie war zum damaligen Zeitpunkt in einem Forum für “unerfüllten Kinderwunsch” aktiv und total begeistert von der Freundlichkeit, der Hilfsbereitschaft und den Arzt- und Praxisempfehlungen der Forenteilnehmer.

Mit Computer und Internet hatte ich damals überhaupt nichts am Hut und stand dieser Art der Beratung sehr kritisch gegenüber. Dennoch verfolgte ich interessiert den Austausch im Forum und den Schriftwechsel zwischen Nadine und ihren virtuellen “Freunden”. Nachdem ich eine Weile mitgelesen hatte, kamen mir ernste Bedenken. Welche verzweifelte Frau, die sich seit vielen Jahren vergeblich ein Kind wünscht, dichtet einen geschmacklosen “Eiersong” und veröffentlicht diesen unmittelbar nach einer wiederholten, erfolglosen künstlichen Befruchtung in einem Internetforum? Ich äußerte meine Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieses Forums und dessen Mitglieder. Nadine lachte und meinte ich sei nur deshalb so ängstlich, weil diese Art der Kommunikation für mich neu sei, schließlich fänden ja auch reale Begegnungen statt. Ob sie denn schon mal an einem Treffen teilgenommen habe wollte ich wissen. Kurzfristig meldete sie sich für das nächste Treffen an. Dieses wurde daraufhin aus organisatorischen Gründen abgesagt.

LOSLASSEN, das große Zauberwort, das mir in Internetforen und in den Blogs, in denen ich so gerne lese, ständig begegnet, das habe ich damals vermisst. Stattdessen wurden ihr ständig neue Methoden, Ärzte und Kliniken im In- und Ausland empfohlen. Eine Langzeitstudie, an der Nadine teilnahm, untersuchte den Zusammenhang zwischen ihrem Übergewicht und dem unerfüllten Kinderwunsch. Stundenlang war sie damit beschäftigt Listen auszufüllen, in denen sie ihren Tagesablauf und ihre Ernährung festhalten musste. Zum Teil waren es sehr intime Fragen. Am meisten wunderte mich, dass nicht nur die Lebensmittel sondern auch deren Marke notiert werden mussten. Als ich sie bat nachzuhaken wurde die Studie abgebrochen.

Neulich las ich auf einem Blog das Gebet der Heiligen Teresa von Avila: “Herr bewahre mich vor der großen Leidenschaft, die Dinge anderer Menschen regeln zu müssen”. Das sind große Worte, so lange die mediale Distanz dazwischen liegt.

Hinsehen oder wegsehen? Einmischen oder raushalten? Wer ist mein Nächster?

Die unmittelbare Berührung mit der Hoffnung und der darauf folgenden Enttäuschung lassen die Dinge aber nochmals in einem anderen Licht erscheinen. Nach langem Ringen habe ich mich für das Einmischen entschieden.

Vielleicht interessiert der Ausgang der Geschichte? Nachdem sich meine Kollegin von diesem Forum gelöst hatte, dachten wir gemeinsam über Alternativen für sie nach. Daraufhin besuchte sie die Abendschule und bestand drei Jahre später hochschwanger ihre Prüfung zur Betriebswirtin.

Emilian wird am Sonntag, den 16. November 2008 zwei Jahre alt.

Christa Schwemlein

Danke 
An dieser Stelle  bedanke ich mich ganz herzlich bei Nadine, die mir erlaubt hat , aus ihrem Leben vom Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung hier auf meinen  ver-rueckten Seiten etwas zu erzählen. 

Das Geschäft mit der Psyche, vielleicht interessiert Sie auch dieser Beitrag.

Der Beitrag wurde am Samstag, den 15. November 2008 um 01:22 Uhr veröffentlicht und wurde unter Eigene Gedanken zu..., Freundschaft, Glück, In eigener Sache, Vertrauen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 1284 | Kategorie Eigene Gedanken zu..., Freundschaft, Glück, In eigener Sache, Vertrauen | 8 Kommentare »





8 Reaktionen zu “Geschichten, die das Leben scheibt – Loslassen!”

  1. Menachem

    So hab ich`s noch garnicht gesehen, Christa. Vielleicht sollten wir nach unseren Lebensregeln handeln, aber immer mit der Bereitschaft zur Ausnahme. Jeder Mensch ist es wert, eigene Fehler zu machen.

  2. Christa

    Schade, dass ich wieder einmal nicht verstehe, was du mir mit deinen Zeilen sagen willst.

    Ich zähle mich nicht zu den Prinzipienreitern, Ausnahmen bestätigen auch in meinem Lebensalltag die Regel. Aber ich mag auch nicht zusehen, wie ein hilfesuchender Mensch ins offene Messer läuft. Es gibt eine wunderschöne Geschichte zu diesem Thema, die ich dir gerne zukommen lassen möchte:

    Eines Tages ging ein Philosoph am Meeresstrand entlang, als er in der Ferne eine Gestalt sah, die zu tanzen schien. Als er näher kam, sah er, dass die Gestalt ein Junge war, der etwas aufhob und vorsichtig ins Meer warf. Er fragte den Jungen: “Was machst Du da?”

    Der Junge antwortete: “Ich werfe Seesterne ins Meer zurück. Es ist Ebbe, und die Sonne brennt herunter. Wenn ich das nicht tue, sterben sie.”

    “Aber, junger Mann” sagte der Philosoph. “Ist dir eigentlich klar, dass hier Kilometer um Kilometer Strand ist? Und überall liegen Seesterne. Du kannst doch gar nichts bewirken!”

    Der Junge hörte höflich zu, bückte sich, nahm einen anderen Seestern auf und warf ihn ins Meer, lächelt. Dann antwortete er: “Aber für diesen einen habe ich etwas bewirkt.”

    Und so freue ich mich sehr, morgen mit Nadine, ihrer Familie und ihren Freunden, Emilians zweiten Geburtstag feiern zu können. Und wenn du diesen kleinen quirligen Knirps sehen könntest, würdest du mir sicherlich zustimmen, dass es die Zeit für die Gespräche, mehr musste ich dafür nicht geben, wert war.

    Ich schicke dir auf diesem Weg viele Grüße und wünsche dir eine gute Nacht.
    Christa Schwemlein

  3. Nadine Fauth

    Vielen Dank für dies schönen Zeilen. Der Beitrag ist, wie immer super schön.

    Nadine

  4. Maria

    Hallo Christa,
    ein schöner Beitrag mit einem glücklichen Ende. Dazu beitragen möchte ich, dass online Beratungen durchaus auch erfolgreich sein können. Allerdings sollte man das Angebot sehr gut prüfen und darauf achten, dass die Nachrichten verschlüsselt werden. Normale e-mails finde ich ungeeignet, weil sie leicht von nicht Befugten eingesehen werden können. Es ist schade, dass einige Scharlatane den Ruf einer ganzen Berufsgruppe zerstören können.
    Menschen, die in schweren Krisen stecken brauchen eine warme Hand und keine kalte Maus, da stimme ich Ihnen zu. (Dieser Vergleich hat mir gut gefallen)
    Liebe Grüße Maria

  5. ver-rueckt » Blog Archiv » Das Geschäft mit der Psyche

    [...] Menschen erkennen im Netz, ein lesenwerter Beitrag von Claudia Klinger. Die Erfahrungen meiner Kollegin Nadine mit Menschen im Netz könnte Sie auch [...]

  6. ver-rueckt » Blog Archiv » Happy Birthday Emilian :-)

    [...] P.S. Zu diesem  Geburtstag gibt es auch eine Geschichte. Interessierte klicken bei: 1. Geschichten, die das Leben schreibt – 5 Jahre Internet 2. Geschichten, die das Leben schreibt – Loslassen [...]

  7. Angelika

    Der Junge hörte höflich zu, bückte sich, nahm einen anderen Seestern auf und warf ihn ins Meer, lächelt. Dann antwortete er:

    “Aber für diesen einen habe ich etwas bewirkt.”

    Das Ende gefällt mir sehr gut. Ja, auch wenn ich nur für einen was bewirken kann damit er nicht “Hilfe suchend” ins Messer läuft bzw. wieder das für ihn Leben spendete Wasser erreicht. Das geht aber nur mit und bei den Menschen, die diese Hilfe auch gerne annehmen und nicht sich durch falschen Stolz mit Ablehnung beziehen. Ich habe Deine/Eure Hilfe immer gernde dankbar angenommen und bin froh, dass ihr, Walter und Du, Euch in mein Leben, Du weißt wie und was ich meine,”eingemischt” habt. Dankbar vor allem deshalb, weil es ohne jegliche Forderungen zu stellen geschah. Das zeigt mir, dass ihr mit dem Herzen gehandelt habt.

    Loslassen – ja, das ist nicht immer einfach. Dass ich “Loslassen” muß war mir erstmals einige Zeit später nach der Einschulung meine Sohnes (geb. 1980) bewusst. Alleinerziehend war er immer mit mir zusammen – wie auch ich mit ihm. Dann kam der Tag, ich weiß es noch wie heute, dass es ein Samstag war. Kurz erzählt: Ich rief aus dem Fenster, dass er bitte hochkommen solle da das Essen fertig sei. Der Satz, der dann folgte ließ mich (vielleicht hatte ich auch gerade keinen guten Tag) in Tränen ausbrechen: “Mama, für Dich habe ich jetzt keine Zeit. Ich möchte jetzt noch mit meinen Freunden spielen”. Mag für die, die es jetzt lesen vielleicht nicht zu verstehen sein, dass der so ausgesprochene Satz eine Mutter treffen kann. Mich hat er in diesem Moment getroffen und nachdem meine Tränen getrocknet waren war mit bewußt, dass ich loslassen muß. Als ich das verstand konnte ich mit den darauf folgenden Sätzen und Dingen besser – wenn auch nicht immer mit der erforderlichen Leichtigkeit – umgehen.

    Danke, für Dein nicht loslassen, wenn ich Hilfe brauche.
    Liebe Grüße
    Angelika

  8. Christa

    Liebe Angelika,

    danke für die lieben Worte. Du kennst den Spruch: “Wenn Kinder klein sind gib Ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind schenk ihnen Flügel.”

    Liebe Grüße und vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag zum Thema Toleranz und Respekt.

    Christa

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