28. Juli 2014 von Christa

Alte Steine in Ani – Ostanatolien 06

Wir sind auf dem Weg zum türkisch-armenischen Grenzgebiet, um die Ruinenstadt Ani zu besichtigen. Während der Fahrt erzählt Süheyl etwas zur Geschichte der ehemaligen armenischen Hauptstadt. Wir hören, dass Ani in seiner Blütezeit, etwa um das 11. Jhd., über 100 000 Einwohner und mehr als 1000 Kirchen gehabt haben soll und man es deshalb auch „Stadt der 1001 Kirchen“ nannte. Im Laufe der Geschichte wurde Ani mehrmals erobert. Anfang des 14. Jhd. fiel es einem schweren Erdbeben zum Opfer. Dies führte zu einer verstärkten Abwanderung der Bewohner sowie der endgültigen Verlegung der Handelsroute. Im 16. Jhd. wurde Ani letztendlich vollständig aufgegeben. Anfang des 20. Jhd. wurde die Stadt durch archäologische Grabungsarbeiten wiederentdeckt. Seitdem finden ständig Grabungen und Renovierungsarbeiten statt.

Mit reichlich Wasser im Gepäck starten wir unseren mehrstündigen Rundgang. Eine Reiseteilnehmerin mag nicht mit. Sie bevorzugt es, in der Nähe der Toilette zu bleiben. Ihr war der Lammspieß vom Mittag nicht bekommen. Meinen hatte ich vorsichtshalber stehen lassen, denn der strenge Lammgeruch hatte mich von dem Fleischgenuss abgehalten.

Durch das Haupttor, auch Löwentor genannt, betreten wir das Ruinengelände. Wir befinden uns nun auf einem weitläufigen Plateau, das von drei tiefen Schluchten begrenzt wird. Das Flussbett des Arpa Çayı trennt die Türkei von Armenien.

Der Arpa Çayı Grenze zwischen Türkei und Armenien

Wegen der unmittelbaren Nähe zu Armenien wird dieses Gebiet militärisch kontrolliert. Es sind zwar keine Grenzsoldaten zu sehen, dennoch ist die Stimmung eigenartig, fast sogar ein bisschen bedrückend. Zahlreiche Ruinen von Kirchen, Klöstern, Moscheen und Stadtmauern stellen eindrucksvoll die armenische Vergangenheit dar. Gespannt folge ich den fundierten Erklärungen unseres Reiseleiters. Es ist zu spüren, dass er auf diesem Gebiet zu Hause ist. Mittlerweile ist auch unser „Dr. Dr.“ mit der Reiseleitung zufrieden und korrigiert seine voreilige Beurteilung.

All das Gesehene und Gehörte wiederzugeben würde den Rahmen meines Blogeintrages sprengen. Wer sich dafür interessiert findet genügend Information hier im Internet oder in der einschlägigen Reiseliteratur. Erwähnen möchte ich die gut erhaltene Kathedrale. Sie war Zentrum des religiösen und kulturellen Lebens in Ani.

Die Kathedrale von Ani

Zu den schönsten Kirchen von Ani zählt die Gregorkirche des Tigran Honentz Man erreicht sie über einen steilen, etwas beschwerlichen Abstieg. Bemerkenswert sind die feinen Reliefs an der Fassade sowie die zahlreichen Fresken im Innenraum, die Szenen aus dem Leben Jesu zeigen.

Gregorkirche in der Ruinenstadt Ani

Apropos, kennen sie eigentlich Hripsime?

Nein? Dann mach`ich Sie mal schnell mit der Dame bekannt:

Hripsime war eine Nonne, die dem byzantinischen Kaiser Diokletian gefiel. Um den Nachstellungen des Kaisers zu entgehen floh sie zusammen mit ihrer Äbtisin und den anderen Klosterfrauen nach Armenien. Hier umwarb sie König Tiridates. Als sie auch diesem eine Abfuhr erteilte ließ er Hripsime und alle anderen Ordensfrauen töten. Die Standhaftigkeit von Hripsime soll Auslöser für die Bekehrung des Königs und für die Christianisierung Armeniens gewesen sein. Ihr zu Ehren wurde das Hripsimekloster in Ani errichtet. Was wäre eine archäologische Führung ohne solche Geschichten? :-D

Auf dem Rückweg kommen wir auf ein Tabuthema, eines der dunkelsten Kapitel des Ersten Weltkrieges zu sprechen, der türkische Genozid an den Armeniern. Ein Verbrechen von einer ungeheuerlichen Dimension. Süheyl empfiehlt uns hierzu den historischen Roman des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh. Ein Buch, das heute noch brandaktuell ist.

Christa Schwemlein

Kleingedrucktes:
Erlebt am Donnerstag, den 10. Oktober 2013 am Mittag.

Der Beitrag wurde am Montag, den 28. Juli 2014 um 20:10 Uhr veröffentlicht und wurde unter Bücher, Reisen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 9654 | Kategorie Bücher, Reisen | 2 Kommentare »





2 Reaktionen zu “Alte Steine in Ani – Ostanatolien 06”

  1. ClaudiaBerlin

    Hallo Christa,

    wunderbare Reiseberichte mit tollen Bildern, die du da schreibst! Danke dafür, man bekommt richtig Lust, auch mal dorthin zu reisen.

    Dieser Kommentar ist nicht der erste Versuch, hier zu kommentieren. Statt Reaktion kam eine weiße Seite, nicht mal eine Fehlermeldung.

    Deshalb schicke ich jetzt ab und hoffe, dass es mal klappt.
    LG
    Claudia

  2. Christa

    Es hat geklappt, Claudia. Was da los ist kann ich dir, da ich mit der Technik nach wie vor auf Kriegsfuß stehe, leider nicht sagen.

    Es freut mich, dass dir meine Berichte gefallen. Ich schreibe diese anhand meiner kurzen Notizen, den Erinnerungen und den Bildern die ich selbst geschossen oder liebe Mitreisende mir zugeschickt haben. Der Osten der Türkei ist ein noch relativ unbekannter Teil der Türkei und es gibt, so habe ich es mir nicht vorgestellt, eine faszinierende Welt zu entdecken. Wer das Ungewöhnliche liebt und bereit ist für eine Zeit auf den gewohnten Luxus zu verzichten, derjenige ist hier am richtigen Fleck.

    Grüße nach Berlin
    Christa

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