22. März 2012 von Christa

38 Jahre gemeinsam auf dem Weg

„Sie haben sich gar nicht verändert!“
Oh“, sagte Herr K. und erbleichte.

Ungewöhnlich, wie Herr K. in Berthold Brecht’s Kurzgeschichte reagiert, finden Sie nicht auch? Eigentlich müsste man sich doch über ein Kompliment, das einem die ewige Jugend bestätigt, freuen.

Es ist ruhig geworden hier auf „ver-rueckt.net“. Dies hat verschiedene Gründe. Einer davon ist Piwik, mein neuer Zeiträuber. Falsch, Piwik ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern mein frisch installiertes Statistikprogramm, das mich fasziniert und mehr Zeit raubt als gedacht. Es ist spannend zu beobachten über welche Suchbegriffe Menschen hierher finden, von wo sie kommen, wie lange sie bleiben und welche Seiten sie danach besuchen. Die Suchbegriffe „Beziehung“ und „Partnerschaft“ sind neben „Fasten“ und religiösen Themen derzeit die Renner. Würde ich mein Blog professionell betreiben, so würde ich die Informationen aus der Statistik nutzen, um die Blogbeiträge gezielt auf meinen Leserkreis abzustimmen.

Weshalb eigentlich nicht dem Thema „Beziehung und Partnerschaft“ nachspüren? Es bietet sich ja geradezu an. Schließlich feiern wir in diesem Monat unseren 38. Hochzeitstag. 38 Jahre Ehe sind eine lange Zeit – ein Grund stolz zu sein, es so weit zusammen geschafft zu haben. Das ist weiß Gott heutzutage keine Selbstverständlichkeit.

Wir haben manches zusammen erreicht, aber auch manche Enttäuschung und Traurigkeit erlebt. Im Grunde trifft Brechts Pointe ja den Nagel auf den Kopf. So wie das Leben einem ständigen Wandel unterliegt durchläuft auch eine Ehe verschiedene Entwicklungsphasen. Immer wieder neue Aufgaben und ständig neue Herausforderungen prägten und veränderten unsere Partnerschaft. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Stück Lebenskunst, sich miteinander und nicht auseinander zu entwickeln.

Der Zauber des Anfangs

Sentimental denke ich an den Anfang unserer Beziehung zurück. Den Tag des Kennenlernens im „Haus der Jugend“, die Verlobung in Paris und den 23. März 1974, unseren Hochzeitstag. Es war ein schönes Fest mit mehr als hundert Gästen. Als wir uns damals in der Kirche das „JA-Wort“ gaben wussten wir nicht, was auf uns zukommen und was das Leben in unsere Biografie schreiben würde. Wir waren jung und verliebt, hatten wenig Lebens- und Beziehungserfahrung. Unser gemeinsamer Weg lag offen vor uns.

Wenn aus Paaren Eltern werden

Zu Beginn unserer Ehe befanden wir uns in einer besonderen Situation. Wir mussten uns von Eltern und Schwiegereltern „freischwimmen“ und unseren eigenen gemeinsamen Lebensstil entwickeln. Das berufliche Weiterkommen stand während dieser Zeit im Vordergrund, zumindest für mich. Schließlich sollte aus mir ja mal was werden. ;-)  Mit beiden Beinen fest im Beruf stellte ich mir Ende 20 die Frage: „Ist das alles?“

Die Frage nach Kindern war ein heikler Punkt, der uns nach 10 Ehejahren in unsere erste ernsthafte Krise führte. Sich auf das Abenteuer Kinder einzulassen muss von beiden gewollt und gelernt werden. Wenn aus Paaren Eltern werden, verändert sich alles, vor allem für die Mutter. Mit den Kindern begann eine Zeit mit eigenen Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Ängsten. Die Kinder groß zu bekommen war ein wichtiges gemeinsames Ziel. Das Zusammenleben mit meinen Söhnen empfand ich als große Bereicherung, dennoch war ich froh, nach Ablauf des Mutterschutzes meinen Beruf, wenn auch in veränderter Form, wieder aufnehmen zu können. Der Spagat zwischen Beruf, Haushalt, Paarbeziehung und Familie war eine große Herausforderung. Manchmal waren wir so eingespannt, dass wir gar nicht zum Nachdenken kamen. Heute frage ich mich oft, wie wir das damals alles geschafft haben.

25 Jahre – Silberhochzeit

Mit den Jahren stellten wir fest, dass man an einer Beziehung hart arbeiten muss, um sie am „Laufen“ zu halten. Eine Ehe „läuft“ nicht einfach wie ein alter Käfer. Stolz es bis hierher geschafft zu haben, belohnten wir uns für diese Mühe mit einem Fest zur Silberhochzeit. Und zwar so, wie wir es für diesen Anlass angemessen fanden: Feierliche Erneuerung unseres Eheversprechens während einer Eucharistiefeier in der Kirche – und danach im Saal unseres Gemeindehauses, wo uns Freunde und Verwandte ein unvergessliches Fest bereiteten. Im Nachhinein betrachtet war die Silberhochzeit mit der rituellen Erneuerung des „JA“ zueinander sogar noch wichtiger als die eigentliche Hochzeit.

Vorruhestand

Mit dem vorzeitigen Ausscheiden meines Mannes aus dem Berufsleben begann eine neue Wegestrecke. Eine steinige, ich mag es nicht verschweigen. Natürlich hatten wir uns ausführlich beraten, das Für und Wider diskutiert. Endlich mehr Zeit füreinander! In Wirklichkeit brachte die ungewohnte Nähe neue Probleme auf den Tisch. Nie hatten wir den Anspruch alles gemeinsam machen zu müssen. Viele Anstöße zu meiner eigenen Entwicklung bekam ich außerhalb der Ehe: In Fort- und Weiterbildungen, durch ehrenamtliches Engagement und durch Freunde. Umgekehrt hatte auch mein Mann einen Freiraum für eigene persönliche Erfahrungen. Mit dem „Dauer-Urlaub“ meines Mannes drohten Nähe und Distanz aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Es war nahe liegend, dass mein Mann die freie Zeit in den Haushalt einbrachte. Ab jetzt stand er in der Küche, ging einkaufen und übte sich im Waschen und Bügeln. Er füllte seinen Tag mit meinen Aufgaben. Wir waren beide mit dieser Situation unzufrieden, aber keiner traute sich dies auszusprechen, bis mir eines Tages der Kragen platzte. Anlass war die digitale Erfassung unserer Lebensmittelvorräte, um mit den daraus gewonnenen Daten künftig unsere Speisepläne zu erstellen. So konnte es nicht weiter gehen! Wir brauchten dringend wieder einen Blick in die Zukunft, eine neue Perspektive. Schließlich konnte ich meinen Mann von der beruflichen Selbstständigkeit überzeugen. Bis dahin brauchte es allerdings viel Austausch und Geduld. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis es wieder bergauf ging.

Fazit:

Eine Ehe ist ein lebenslanger Weg, der nicht immer geradlinig verläuft. Zum Gelingen des Weges muss sie sich den Veränderungen stellen und immer wieder neu mit Leben gefüllt werden. Tut sie das nicht, dann verkommt sie, so wie ich es neulich im Café beobachtet habe. Man geht zusammen frühstücken, sitzt sich schweigend gegenüber und ist froh, wenn das Handy die Stille unterbricht. Alte Liebe rostet nicht. Aber es tut ihr gut, immer wieder neue Anstöße zu bekommen.

In diesem Sinne, wir sind dann mal feiern. ;-)
Christa Schwemlein

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 22. März 2012 um 23:12 Uhr veröffentlicht und wurde unter Eigene Gedanken zu..., Glück, Humor, Kirche, Vertrauen, Zeit, Zitate abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 7279 | Kategorie Eigene Gedanken zu..., Glück, Humor, Kirche, Vertrauen, Zeit, Zitate | 6 Kommentare »





6 Reaktionen zu “38 Jahre gemeinsam auf dem Weg”

  1. Petra Wawszczak

    Einen schönen und sonnigen Hochzeitstag, dass der Weg noch viele harmonische, aber auch ” positiv aufregende” Jahre dauert wünschen von Herzen
    die Wawszczak´s

  2. Christa

    Danke Petra für die guten Wünsche.
    Wir sehen uns.
    Liebe Grüße Christa

  3. Bauer Beate

    Liebe Frau Schwemlein,

    erst einmal alles, alles Gute zu Ihren 38 Jahren mit Ihrem tollen Mann.

    Das ist wirklich schon eine Seltenheit geworden. Ich weiss wie das ist. Hab das ja alles schon hinter mir :-) .

    Und Ihr Erlebniss beim Frühstück kann ich sehr gut nachvollziehen, kann durchaus erfrichend sein aber auch nervig.

    Ps. wenn Sie aber mal wie ich eine Einladung zum Frühstück haben kann es auch mal von Vorteil sein, wenn das Telefon klingelt – auch wenn es nur ein Hahn ist der kräht, lach.

    Hatte die gewisse Einladung, mußte feststellen, dass dies das schlimmste Frühstück überhaupt war, das ich je hatte.
    Wir hatten überhaupt kein Gesprächsthema, was ja bei mir eher selten ist, wie Sie ja wissen, lach.
    Und beim nächsten mal, sollte ich mal wieder eine Einladung haben, bestelle ich bestimmt nur ein kleines Frühstück, für alle Fälle wenns schnell gehn muß, lach.

    Lg Beate B.

  4. Christa

    Danke Frau Bauer. Aber bitte nicht so viel Lob für meinen Mann.

    *lach* – Mit dem Frühstück haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Tja, das kommt davon Frau Bauer wenn man alles mitnehmen und kein Abenteuer auslassen will. ;-)

    Ich hatte kürzlich so eine beinahe Frühstücksverabredung. Aber dann hat dieser mutige junge Mann in letzter Minute ganz spontan einen Rückzieher gamacht. War vielleicht auch gut so. Weil, mir gings ähnlich wie Ihnen. Ich hab’ mir vorgestellt, was wir uns wohl zu sagen hätten. Und was soll ich sagen, da herrschte auch Sprachlosigkeit – wenn auch nur in meinem Kopfkino. :-) ))) Aber das mit dem kleinen Frühstück, das merk’ ich mir. Vielleicht für’s Erste auch nur einen Kaffee oder besser noch einen Espresso ;-) Danke für den Tip. Aber das alles erzähl’ ich Ihnen ausführlich bei der nächten Behandlung. Da haben wir zwei wieder viel zu lachen. :-) )))

    Liebe Grüße bis demnächst.
    Ihre Christa Schwemlein

  5. heidi pakurar

    38 Jahre ist sehr lang.Wir bhaben am Montag den 21.1.13unseren 47 Hochzeitstag.

    Die Zeit vergeht und wir werden alt.

    liebe Grüße Heidi

  6. Christa

    Das stimmt sehr wohl liebe Heidi. 47 Jahre sind eine lange Zeit. Ein Grund stolz zu sein.

    Ich fand Ihren Spruch auf Facebook einfach zu schön und so wahr. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft und von Vielem wird sich schnell, vielleicht auch manchmal zu schnell getrennt. Wobei ich damit nicht zum Ausdruck bringen will, dass man um jeden Preis an einer Beziehung festhalten soll. Wenn die Liebe gestorben ist, dann ist es besser man trennt sich mit Respekt.

    Sie sind übrigens die Erste, die über Facebook zu mir hierher kam und sich traute zu kommentieren. Vielen Dank, das hat mich sehr gefreut.

    Ich wünsche Ihnen schon jetzt einen wunderschönen Hochzeitstag. Wir lesen uns.

    Liebe Grüße
    Christa Schwemlein

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