5. März 2012 von Christa

Vom Für und Wider der ständigen Erreichbarkeit

Es war gegen 9.00 Uhr als ich gestern das Café Journal betrat. Das Café war um diese Uhrzeit noch leer. An meinem Lieblingsplatz, einem Zweier-Tisch direkt am Fenster, ließ ich mich nieder. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf das bunte und geschäftige Treiben des Mannheimer Wochenmarktes. Ich bestellte ein Kännchen Kaffee und ging, während ich auf meinen Mann wartete, meiner Lieblingsbeschäftigung nach. Sie wissen schon, Leute beobachten. Es macht mir Vergnügen, solche Beobachtungen zeitnah festzuhalten. :-)

Am Tisch nebenan saß ein gepflegtes Paar. Ob’s ein Ehepaar war? Ich kann’s nicht sagen. Beide jünger als ich. Anfang 40 vielleicht. „Du entschuldige bitte, ich muss mal  kurz meine E-Mails checken“, belauschte ich ungewollt das Gespräch am Nachbartisch. E-Mails checken. Ich muss jetzt lachen. Es fiel mir auch gestern schwer mein Grinsen zu verbergen. Echt, spricht eigentlich heutzutage noch jemand deutsch?

Nach dem „Check“ nahmen beide wortlos ihr Frühstück ein. Sie ein Honigbrötchen, er Spiegeleier mit Speck. Plötzlich ertönte ein Geräusch, das mich bei genauerem Hinhören an das „Kikeriki“ eines Gockels erinnerte. Unerbittlich rief das Handy nach seinem Besitzer. Umständlich kramte er in seiner Jackentasche nach dem Telefon. Es folgte ein kurzer “Displaycheck”, danach ein Tastendruck und ein Flüchtiges: „Du, ich muss mal eben.“  Wieder hörte ich unfreiwillig mit: „Hm … hm, … das ist interessant…. ja, da sollten wir unbedingt am Ball bleiben … selbstverständlich kann ich es einrichten … bis später dann …“  Nach dem finalen Tastendruck, griff er nach seinem Sektglas, nahm den letzten Schluck und machte den Eindruck, als sei er mit sich und der Welt zufrieden.

„Du, ich muss nachher noch mal schnell im Büro vorbei.“, offenbarte er seiner Begleitung. „Ok.“ Schweigen im Walde, bis ein weiteres Kikeriki mich aus meinen Tagträumen weckte. Diesmal wurde ich Zeugin eines klassischen Smalltalks. Man sei gerade frühstücken und müsse danach unbedingt noch einmal ins Büro. Schön mal wieder von einander gehört zu haben und liebe Grüße noch an …. – ach ich weiß nicht mehr an wen – . Ciao.

Halten Sie mich jetzt bitte nicht für weltfremd, wenn ich Ihnen gestehe, dass mir der zwanglose Umgang mit dem Handy bis heute fremd geblieben ist. Ich weiß, die mobile Branche boomt wie keine zweite und ein Ende ist nicht in Sicht. Und ich weiß auch, dass sie inzwischen, rein kommunikationstechnisch, unverzichtbar ist. Ja, das meine ich ernst. Aber ich weiß noch etwas anderes und das meine ich noch viel ernster. Wir Menschen funktionieren nicht nur technisch miteinander. Selbstverständlich ist Zeit Geld. Und je schneller wir miteinander kommunizieren, je schneller die Geschäfte laufen, umso mehr Umsatz und umso mehr Wachstum. Die Spirale ist bekannt. Sie ist auch nicht ohne Sinn. Aber sie ist nicht der ganze Sinn im Leben. Seit meinen „Caféhausbeobachtungen“ treiben mich drei Dinge um:

Erstens: Gibt es seit dem Handysiegeszug neue Höflichkeitsregeln? Warum sonst ist die Person, die anruft, immer wichtiger als diejenige, die einem gerade gegenüber sitzt?

Zweitens: Wenn jeder Mitarbeiter immer und überall für die Firma erreichbar und ständig zu Diensten ist, wie ist es dann mit dem Konzept des Feierabends bestellt?

Drittens: Da der Mann am Nachbartisch mit seiner Begleiterin kaum ein Wort wechselte, war er vielleicht sogar froh andere Gesprächspartner gefunden zu haben? In diesem Fall wäre die moderne Technik ja geradezu ein Segen ;-)

In diesem Sinne
Christa Schwemlein

Übrigens:
Ich bin nicht die Einzige, die von solchen Gedanken getrieben wird. Vor längerer Zeit las ich von der Last der ständigen Erreichbarkeit. Der Autor machte 5 Erreichbarkeitstypen fest. Wie sieht’s aus? Finden Sie sich in einem wieder?

Der Beitrag wurde am Montag, den 5. März 2012 um 18:57 Uhr veröffentlicht und wurde unter Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Zeit abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 7264 | Kategorie Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Zeit | 2 Kommentare »





2 Reaktionen zu “Vom Für und Wider der ständigen Erreichbarkeit”

  1. Biggi

    nur zum hinzufügen, als ich in New York in der Schlange bei Starbucks Coffee stand, ca 12 Personen, hatte jeder sein Handy in der Hand und irgendwas geschrieben oder telefoniert ob jung oder alt. Keiner hat sich unterhalten was ja in einer Warteschlange öfters vorkommt.

    Grüße Biggi

  2. Christa

    Ja Birgit das kenne ich auch. Mir passiert das regelmäßig mit einer meiner Arbeitskolleginnen. Ich sitze ihr gegenüber, will etwas mit ihr besprechen, doch kaum klingelt das Telefon bin ich mit meinem Anliegen vergessen. Es geht auch anders. Neulich bin ich mit dem Zug zu meiner Freundin gefahren. Sowohl auf der Hin- als auch der Rückreise hatte ich interessante Gesprächspartner. Die 90 Minuten vergingen wie im Flug – eine schöne Erfahrung.

    Liebe Grüße
    Christa

    P.S. Euer Frauenfrühstück war sehr schön. Ich habe mich in der herzlichen Atmosphäre sehr wohl und willkommen gefühlt. Allerdings ging ich ein bisschen “neidisch” nach Hause. Wie schafft ihr es nur so viele junge Frauen für eure Sache zu begeistern? Einfach toll! Da können wir Katholiken uns echt was abgucken. Und im übrigen war das Frühstück auch ein bisschen Social-Media. Walter hat einen neuen Kunden. :-D Danke für die Einladung!

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