16. März 2009 von Christa

Meine ver-rueckte Woche

Es ist selten, dass ich einmal ein Wochenende habe, an dem ich alleine zu Hause bin. Umso mehr genieße ich es, keinen Wecker hören zu müssen, auszuschlafen und so ganz ohne Plan in den Tag hineinleben zu können. Dennoch war es früh, als ich gestern Morgen mit meinem Pot Kaffee und meinem „Jahresbuch“ am Frühstückstisch saß. Es gelang mir nicht, mich auf meine Lektüre zu konzentrieren. Ständig war ich mit meinen Gedanken an anderen Orten.

Eine voll gepackte und anstrengende Woche lag hinter mir. Ein langer Weg, der anfangs wie eine Marathonstrecke erschien, ist letzten Samstag zu Ende gegangen. Ich bin zwar nicht mit Bestzeit, aber immerhin mehr als gut ins Ziel eingelaufen. Eigentlich müsste ich jetzt unsagbar glücklich sein. Und doch – machte sich nach bestandener Abschlussprüfung ein Gefühl der Leere in mir breit, das bis heute nicht gewichen ist. Aber darüber mag ich irgendwann einmal in einem eigenen Beitrag berichten.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ Joh 11,25. Dass ausgerechnet dieses Bibelwort am Mittwoch, im Rahmen unserer ökumenischen Bibelwoche, auf dem Programm stand machte mich sehr betroffen. Und nicht nur mich. Alle, die wir da im Stuhlkreis saßen, waren entsetzt und geschockt und fanden keine Antwort darauf, warum Gott so etwas Unfassbares zulässt. So blieb uns nur, Gott im Gebet unsere Hilflosigkeit hinzuhalten.
Dennoch war am Ende dieser Abende, wo wir uns mit den „Ich-bin-Worten“ des Johannesevangeliums auseinandersetzen, sehr viel Dankbarkeit in mir. So schwer das Leben auch manchmal sein mag, es tut gut, Wege mit Menschen gemeinsam zu gehen und sich in einem Netz sozialer Beziehungen getragen zu wissen. 

Winneden – ein gefundenes Fressen für die Medien! Noch tobt der mediale Sturm über das Warum, Weshalb und Wieso. Die Suche nach dem Schuldigen läuft auf Hochtouren. Wann begreifen wir endlich, dass es  DEN Schuldigen nicht geben kann?  Die wirklichen Ursachen sind doch tief in unserer Leistungsgesellschaft zu suchen. Nämlich da, wo sich jeder selbst der Nächste und das Eigene das absolut Heilige ist. Wann endlich begreifen wir, dass unser Wertesystem nicht mehr stimmig ist?

Wir müssen uns nichts vormachen: Solange es Menschen gibt, denen Geld, Macht und Ehre wichtiger als Menschen sind, solange wird es auch Winneden geben. Solange es Menschen gibt, die andere Menschen mobben, solange wird es Winneden geben. Solange es Führungskräfte gibt, die sehen, aber nicht eingreifen, solange wird es Winneden geben.

Ich würde mir wünschen, dass diese furchtbare Tat endlich dazu führen würde, dass offen über die wirklichen Ursachen solcher kopflosen Taten kommuniziert wird. Es geht bei Winneden nicht um verschärfte Waffengesetze oder Computerspiele, die, das streite ich nicht ab, Gewalt fördern mögen, aber in keinem Falle die Ursache für diese entsetzliche Tat sind. In Wirklichkeit geht es um die Verzweiflungstat eines gekränkten Menschen, der im Abseits steht. Aufgestaute Wut, das wird mir jeder Psychologe bestätigen, bringt das Fass zum überlaufen, macht blind und kann gefährlich werden. Winneden ist kein Einzelfall. Winneden ist überall!

Inzwischen sitze ich mit hochrotem Kopf an meiner Tastatur. Es gibt keine Worte, die beschreiben können, wie ich mich im Moment fühle. Deshalb versuche ich es auch gar nicht. Ich wollte nicht auf den Zug „Winneden“ springen. Warum ich dennoch springe? Es ist meine eigene Mobbingerfahrung, die mir mit all den dazugehörigen Gefühlen durch dieses Ereignis wieder sehr lebhaft in Erinnerung kommt.
Ich weiß wie es sich anfühlt von Menschen ausgelacht, gedemütigt und gequält zu werden. Ich kenne diese vergebliche Suche nach dem Warum und die Verzweiflung, weil dir keiner sagt, was du falsch gemacht hast. Es braucht nicht unbedingt physische Waffen, um einen Menschen zu töten. Rhetorische Talente, verbale Hiebe oder psychologische Fähigkeiten genügen. Und damit muss man sich noch nicht einmal die Hände schmutzig machen. In meinem Fall wäre es ein ganz normaler Unfalltod gewesen und kein Hahn hätte danach gekräht.

Es macht mich traurig zu sehen, wie unempfindlich unsere Gesellschaft gegenüber dieser Form von indirekter Gewalt geworden ist. Unter dem Deckmäntelchen der Toleranz werden wir nachsichtig, da die allgemeine Auffassung von Toleranz inzwischen darin besteht, sich nicht einzumischen.

Ich würde mir Eltern wünschen, die den Mut und die Kraft aufbringen ihre Kinder so zu erziehen, dass diese in der Lage sind Widerstand zu leisten. Ziviler Ungehorsam muss unbedingt auch Teil der Erziehung sein. Wir brauchen ganz einfach wieder Menschen, die sagen: „Da mach’ ich nicht mehr mit!“ Probleme gehören gelöst, solange sie noch klein sind!

Winneden ist ein Spiegel – Und zwar ein glasklarer!

Christa Schwemlein

Der Beitrag wurde am Montag, den 16. März 2009 um 07:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter Eigene Gedanken zu..., Herz und Verstand, Kirche, Kleine Bibelkunde, Vertrauen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 1502 | Kategorie Eigene Gedanken zu..., Herz und Verstand, Kirche, Kleine Bibelkunde, Vertrauen | 5 Kommentare »





5 Reaktionen zu “Meine ver-rueckte Woche”

  1. Martin

    Liebe Frau Schwemlein,

    Ärger, Zorn und Wut sind heftige Emotionen, die immer dann aufkommen, wenn wir uns angegriffen fühlen oder etwas angegriffen wird, das uns sehr wichtig ist. Diese Gefühle sind ungeheuer mächtig aber auch menschlich und leider auch sehr gefährlich.
    Ihre persönoche Mobbinggeschichte ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie sich mit Hilfe der eigenen Ressourcen Defizite verwandeln lassen.
    Martin

  2. Ulf Runge

    Liebe Christa,

    den Nagel auf den Kopf getroffen hast Du!

    Wenn wir nicht kapieren, dass wir es sind,
    die anderen Beachtung, Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Würde schenken können,
    dann wird es immer wieder verletzte Menschen geben,
    die danach suchen, andere zu (körperlich) zu verletzen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. Christa

    Lieber Ulf,

    erst mal vielen Dank für deinen Besuch. Ich freue mich sehr, dass du gerade auf diesen Beitrag etwas geschrieben hast.

    Du hast vollkommen Recht. Nur …, ich glaube ich habe es schon einmal geschrieben, die Spirale der Gewalt kannst du immer erst dann unterbrechen, wenn du weisst, dass du in ihr steckst. Solange du keine Ahnung hast, was gespielt wird, wirst du automatisch zum Mittäter.

    Unser Bundespräsident hat eine Kultur des Hinsehens und der Achtsamkeit gefordert. Das sind Worte, die mich sehr nachdenklich stimmen. Die virtuelle Welt ist schon lange eine reale Welt geworden. In ihr schreiben echte Menschen mit echten Gefühlen. Somit ist auch in diesem Raum Achtsamkeit angesagt.

    Als ich vor fünf Jahren das erste Mal in einem Forum mitschrieb traf ich auf ein junges lebensmüdes Mädchen. Das Schicksal der jungen Frau hat mich sehr berührt und ich hätte alles daran gesetzt um ihr zu helfen. Bald entpuppte sich die Geschichte als “FAKE” – eine Inszenierung. Würde ich heute wieder auf ein derartiges Schicksal stoßen, ich weiß nicht, ob ich nochmals so handeln würde. Wenn mit menschlichen Schicksalen so ein Unfug getrieben wird, brauchen wir uns da zu wundern, wenn ein Amoklauf angekündigt wird und keiner nimmt diese Botschaft ernst?

    MEINE “Mobber” – ich würde sie nicht erschießen, dazu wäre ich nicht in der Lage. Es ist noch nicht so lange her, da musste ich mich mit dem Gleichnis des “barmherzigen Samariters” auseinander setzen. Ich habe mir damals überlegt wie ich wohl handeln würde, würde einer meiner “Mobber” im Graben liegen und ich käme zufällig an ihm vorbei. Würde ich es machen wie der Samariter und dem verwundeten Juden helfen? Hätte ich, wie der Samariter, Mitleid mit diesem hilflosen Menschen? Oder würde ich wie der Priester und der Levit handeln? Er könnte im Graben liegen und wimmern, ich ginge an ihm vorbei. Das war damals mein Urteil, sehr zum Entsetzen meines Mentors und dem Rest meiner Gruppe.

    Ich möchte hier nicht missverstanden werden. Ich erlaube mir kein Urteil. Aber nachempfinden, wie sich ein “gemobbter” Mensch fühlt, das kann ich sehr gut.

    Wir waren einmal das Land der Dichter und der Denker. Was ist daraus geworden? Eine Gesellschaft ohne Tiefgang. Ich zweifle manchmal daran, dass erwachsene Menschen wirklich reife Erwachsene sind.

    Lieber Ulf, dennoch wünsche ich dir ein wunderschönes Wochenende. Die Wettervorhersagen sind traumhaft. Ich habe schon mal meine Laufschuhe aus der Versenkung geholt und habe mir fest vorgenommen dieses Jahr wieder regelmäßig zu joggen. Ich vermute mal, ich fange wieder bei Null an.

    Liebe Grüße aus Mannheim schickt dir
    Christa

  4. Walli

    Hallo Christa,

    es ist unglaublich, wie sich unsere Ansichten decken. Ich war gerade auf Deiner Seite und konnte nur staunen.

    LG Walli

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