26. Mai 2015 von Christa

Abraham und Isaak – Bloggerbekenntnisse 01

Die Gedanken meines Blogkollegen Rolf Höge über Gottes „Ungerechtigkeit“, sowie die Frage nach dem WARUM waren in der Karwoche im Blog für meine Pfarrgemeinde bestens aufgehoben. Hat doch Jesus selbst am Tag seiner Kreuzigung die verzweifelte Frage gestellt: „Warum hast du mich verlassen?

Die Frage nach dem Warum ist ein Aspekt in Rolfs nächtlichem „Zwiegespräch“. Ein weiterer wichtiger Gedanke kommt am Ende des Dialoges, wo Rolf auf Abrahams blinden Gehorsam anspielt, der nicht davor zurückschreckt Isaak, den eigenen Sohn zu opfern.

Eigentlich wollte ich mich auf derartige Netzgespräche nicht mehr einlassen. Doch uneigentlich ist dies ein schönes Beispiel, wie Social Media, wenn man es versteht richtig zuzuhören, die klassische Marktforschung ergänzen kann. Zum anderen zwingen mich Rolfs Gedanken geradezu zur Auseinandersetzung mit dem alttestamentlichen Bibeltext. Ehrlich gesagt habe ich mir nie Gedanken über Abraham und Isaak gemacht. Ich erinnere mich auch nicht, je eine Predigt zu dieser Bibelstelle gehört zu haben. Als Kind habe ich die Geschichten aus dem Katechismus geliebt und wie die Märchen der Gebrüder Grimm geradezu verschlungen. Die „Opferung Isaaks“ fand ich grausam und spannend zugleich. Doch habe ich sie immer von ihrem guten Ende aus gesehen.

Was antworte ich einem Menschen, der mit seinem Gott hadert und mich mit seiner Wut auf Gott ob dieser grausamen Forderung konfrontiert? Nun, ich könnte es mir einfach machen und sagen, dass es für Abraham ja keinen historischen Beweis gibt und es sich vermutlich wie bei den alten Griechen, die „Opferung der Iphigenie“, um keine wirkliche Begebenheit handelt. Andererseits könnte ich auch gläubig erklären, dass diese Erzählung mir abverlangt Gott nicht zu verstehen, mich aber auffordert, mich dennoch vertrauensvoll auf ihn einzulassen. „Abraham ein schönes Bild für Vertrauen“, schrieb ich in einem älteren Beitrag. Blindes Vertrauen, wenn es um das Leben des eigenen Kindes geht? Puh, diese Geschichte mutet viel zu und stößt auch bei mir auf Unverständnis.

Was also können moderne, aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts mit Abraham und Isaak anfangen?

Vor Jahren war ich in eine ähnliche Glaubensdiskussion hier im Netz verwickelt. Meinem damaligen Gesprächspartner schrieb ich:

Heute verehren wir zwar keine “Götzen-Figürchen” mehr. Aber was sind denn die Götzen unserer Tage? Geld, Habgier, Herrschsucht und Macht – …..?

In früheren Zeiten waren es Weise, die in Konfliktsituationen um Rat gefragt wurden. Heute werden solche Aufgaben von Therapeuten wahrgenommen. Die Berater früherer Tage haben den Ratsuchenden Geschichten erzählt. In ihnen spiegelten sich die Konflikte der Zuhörer wider, zeigten aber auch gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten auf.

Vor diesem Hintergrund könnte die Geschichte von Abraham und Isaak heute vielleicht so gedeutet werden, dass der Vater seinen Sohn nicht Gott, sondern einem der oben genannten Götzen opfert. Ich kenne einige zielstrebige Familienväter, die bereit waren dem Götzen „Karriere“ ihre Familie zu opfern. Mir fallen auch Väter und Mütter ein, die sowohl sich selbst als auch ihre Kinder dem Götzen „Alkohol“ geopfert haben. Ich denke ebenfalls an Eltern, die ihre Söhne oder Töchter dem Götzen „Ehrgeiz“ auf den Altar legen. Sie opfern ihre Kinder, indem sie diese zu Leistungen antreiben, die sie aufgrund ihrer Anlagen gar nicht erbringen können. Nicht selten steckt dahinter die Sehnsucht, die eigenen unerfüllten Wünsche zu befriedigen. In diesem Zusammenhang mag ich auch die Zeit meiner eigenen Kindheit erwähnen. Es war damals Usus Gott als Erziehungsmittel zu missbrauchen. Wir Kinder lebten in der ständigen Angst, dass Gott all unsere „Sünden“ sah, die den Augen unserer Eltern entgangen waren. In einer derart angstbesetzten Umgebung aufzuwachsen ist ungesund. „Auch mit seiner religiösen Zugehörigkei kann man eine Art Götzenkult betreiben“, schrieb ich meinem damaligen „Internetfreund“.

Schade, dass die Tradition des Erzählens etwas in Vergessenheit geraten ist. Schade deshalb, weil die Ratsuchenden mit dieser „Therapieform“ auf keine Lösung festgelegt werden. Die Zuhörer werden eingeladen das eigene Leben anzuschauen und selbst nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen. Diese Methode verzichtet auf Ratschläge, die am Ende ja oftmals nichts anderes als Schläge sind.

Bloggerbekenntnisse

„Auferstehung kann auch bedeuten, sich der eigenen Lebensgeschichte stellen, nicht davonlaufen und darauf hoffen, dass Gott auch in der ausweglosesten Situation noch eingreifen kann“, schrieb ich 2012 in meinem Blogbeitrag “Wann ist eigentlich Ostern?” Doch wenn ich die Geschichte von Abraham und Isaak lese geht mir dieser Satz nicht mehr so einfach in die Tastatur. Auch wenn manche Exegeten die Geschichte als eine Prüfung deuten, stellt sich mir, genau wie meinem Blogkollegen, letztendlich die Frage: „Was ist das für ein Gott, der mit Abraham und Isaak ein solch grausames Spiel treibt?“

Inzwischen erlaube ich mir, mich den biblischen Geschichten mit der Methode der Weisen früherer Zeiten zu nähern und sie mit meiner eigenen Lebenssituation in Verbindung zu bringen. „Absoluter Gehorsam“ und „Grenzenloses Vertrauen“ kann ich in dem Bild von „Abraham und Isaak“ nicht sehen. Es sind die „Götzen unserer Tage“, die mir derzeit ins Auge springen. Geschichten sind jedoch offen für viele Deutungen und wer weiß, vielleicht blogge ich in ein paar Jahren ganz andere Erkenntnisse.

Christa Schwemlein

Zum Weiterlesen:
Anselm Grün: “Schwierige Bibelstellen spirituell erschlossen” erschienen im Herder Verlag

Der Beitrag wurde am Dienstag, den 26. Mai 2015 um 21:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter Bücher, Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Geschichten, Kirche, Kleine Bibelkunde, Vertrauen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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5 Reaktionen zu “Abraham und Isaak – Bloggerbekenntnisse 01”

  1. Menachem

    Ein sehr anregender Beitrag, liebe @Christa. Vieles sprichst du an.

    Als ein Bewunderer der alten Schriften, der diese meist als Metapher versteht, spiegelt sich für mich die ewige Suche des Menschen, was ist richtig – falsch, böse – gut? Was bringt uns als Menschheit in einem friedlichen Zusammenleben weiter. Darüber hinaus glaube ich, das niemand das Recht der absoluten Deutungshoheit der Schriften für sich in Anspruch nehmen kann. Auch nicht Luther, der Götzen als einen minderwertigen Begriff verformte.

    Ich kann mir gut vorstellen, das lange vor der monotheistischen Zeit die Menschen ein Abbild ihres Regen-, Krieges, Fruchtbarkeitsgottes…. brauchten. Wen sollten sie um Hilfe bitten? Der Pharao konnte es beim besten Willen nicht, regnen lassen und den Nil dabei über seine Ufer treten lassen. Wen also alle gemeinschaftlichen Kräfte versagen ein Unheil abzuwenden, wenn soll man dann noch anrufen? Im Sinne von: Mein Gott, verlass uns nicht.

    Anders sind für mich die Götzen “Karriere, Alkohol, …”.
    Kein Alkoholiker oder Karrieresüchtiger ist es gern und aus freien Stücken. Diese Schwächen, so meine ich, speisen sich aus menschlichen Defiziten, die aus der allernächsten zwischenmenschlichen Umgebung niemand zu ersetzen vermag. Dies ohne Bewertung, aber in großer Traurigkeit der Tragödien.

    Die Frage für mich ist, wie soll ein Mensch zwischen Gott und Götze unterscheiden, wenn alles so nah` beieinander liegt?

    Er kann es meiner Meinung nach nur in einer gesunden Gemeinschaft, die zu Denk- und Glaubenskorrekturen befähigt. Auf diesem Weg wird der kritische und mündige Mensch entscheiden können, ob er dem unreflektierten und gehorsamen Weg eines Götzen folgt, oder ob er die Prüfung Gottes besteht zu entscheiden. Dabei kann die Prüfung nicht der Gehorsam sein, sondern die Prüfung, unterscheiden zu können, wem und was ich folge.

    Somit komme ich persönlich für mich zum den Schluß, Christa, den dein Beitrag in mir angestoßen hat, das ich viel öfter und kritischer über Gehorsam reflektieren sollte. Denn, – Gehorsam ist ein verdammt bequemer Aufenthaltsort.

  2. Christa

    Manchmal da fallen mir Bilder ein: ;-)

    http://ver-rueckt.net/?p=711

    Sticheleien beiseite:

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, welcher sehr schön zeigt wie unterschiedlich Geschichten ankommen und wie jeder das für sich Passende findet. Gehorsam war für mich zum jetzigen Zeitpunkt in dieser Geschichte kein Thema.

    Angeregt durch deinen neuesten Blogeintrag und deinen Kommentar hier im Blog fällt mir Dietrich Bonhoeffer ein. Ein Mann, der Hitler konsequent und kompromisslos Widerstand leistete. Der Kreis der Personen, die wegen ihrer Haltung im Zweiten Weltkrieg umgebracht wurden, umfasste etliche Menschen. Nicht alle wurden so bekannt wie Bonhoeffer. Viele von ihnen blieben namenlos. Zu ihnen zählten Menschen mit den unterschiedlichsten Weltanschauungen und Religionen. Doch in all ihrer Unterschiedlichkeit waren sie sich einig, dass es ein göttliches und moralisches Gesetz gibt, das unbedingt eingehalten werden muss, und koste es das Leben.

    Du schreibst: „Dabei kann die Prüfung nicht der Gehorsam sein, sondern die Prüfung, unterscheiden zu können, wem und was ich folge.“ Mit anderen Worten: „An wen oder was ich mich binde“. „Gehorsam ist ein verdammt bequemer Aufenthaltsort“, schreibst du weiter. Dazu mag ich anmerken, dass „Ziviler Ungehorsam“ ein unbequemer und mitunter ein einsamer Aufenthaltsort sein kann.

    „Wunsch und Wille“, „Gemeinsamleben“, deine Blogs verfolge ich seit Beginn. In vielen deiner Beiträge lese ich zwischen den Zeilen wie arm wir Deutschen sind. Doch wie viel ärmer wären wir, hätte es nicht (un)gehorsame Deutsche wie Dietrich Bonhoeffer gegeben?

    Zu den Götzen Karriere, Alkohol … hätte ich auch noch einiges zu schreiben. Doch belassen wir es für heute dabei. Vielleicht läuft uns Abraham ein drittes Mal über den Weg. :-)

    Herzliche Grüße
    Christa

    Abraham die Erste:

    http://ver-rueckt.net/?p=10280

  3. ClaudiaBerlin

    Was für ein gutes Gespräch!

    “Was antworte ich einem Menschen, der mit seinem Gott hadert und mich mit seiner Wut auf Gott ob dieser grausamen Forderung konfrontiert?”

    Ich hatte die “Story of Isaac” auch nicht aus kindlich-katholischer Indoktrination auf dem Schirm. Mir ist sie durch Leonard Cohens wunderbaren gleichnamigen Song begegnet. Hat mich so beeindruckt, dass ich es auf der Gitarre einübte und vorsang – damals, in jungen Jahren…

    Hört selber doch noch einmal rein – es ist so wunderschön:

    https://www.youtube.com/watch?v=-y36zbbuX7w

    Inhaltlich ist der Text innovativ, weil er die Perspektive von Isaac einnimmt. Der ja in Wahrheit nichts zu sagen hat in dieser Erzählung – ausser ihr den Namen zu geben.

    Kurzum: Cohen hat Christas Frage SO beantwortet:

    “You who built this alter now to sacrifice our children must not do it anymore! A Sceme is not a vision, and you never have bin tempted by a deaman or a god!”

    auf gut deutsch:

    “Du, der du gerade dabei bist, unsere Kinder zu opfern: Du musst das nicht tun! Ein Gespenst ist keine Vision – und du wurdest niemals versucht, weder von einem Dämon noch von einem Gott!”

    Gott meldet sich also, sobald Abrahams “Glaube” (Cohen: You know I’m strong and holy, I must do what I’ve been told…”) droht, echte Opfer zu kosten.

    So gesehen, ist es durchaus eine Geschichte, die Gottvertrauen lehren will. Andrerseits ist diese Geschichte sehr alt, was auch bedeutet, dass wir “Gottes Wort” seit damals ja gehört haben. Wir wären doch bescheuert, bräuchten wir ständige Wiederholung – Gott als Nanny im Alltag, nicht im Ernst!

    100%iges Vertrauen – lieber nicht, es könnte Tote geben!

    Von daher passt Christas Antwort punktgenau:

    “Vor diesem Hintergrund könnte die Geschichte von Abraham und Isaak heute vielleicht so gedeutet werden, dass der Vater seinen Sohn nicht Gott, sondern einem der oben genannten Götzen opfert. ”

    (Falls mich BigData jetzt als “ordentlich gläubig” in irgend einer Richtung einschubladet, möchte ich gleich hier anmerken: Falsch! Ich liebe es einfach, mit Menschen, die Werte glaubhaft vertreten und leben, zu diskutieren. Egal welchem Glauben sie anhängen.)

  4. ClaudiaBerlin

    “Gott siehts” – wir sind dabei, zu erschaffen, woran wir nicht glauben, bzw. wovon wir enttäuscht wurden. Der “neue Gott” schaut sehr wohl genau hin – und zieht für jeden Einzelfall Konseqenzen.

  5. Christa

    Liebe Claudia,

    auch dir vielen Dank für den Kommentar und den Link zu Leonard Cohen. Das Lied ist wirklich wunderschön und lässt mich wehmütig in alte Zeiten blicken.

    Ich stimme mit dir völlig überein, dass dies durchaus eine Geschichte ist, die Gottvertrauen lehren will. Doch in Bezug auf Rolfs „Zwiegespräch“ wäre mir dieser Hinweis zu einfach und auch unpassend gewesen. Ich habe mir vorgestellt ich sei diejenige mit dieser Wut, den Zweifeln, und den Fragen im Bauch. Und da käme irgendwer daher und würde mir etwas von „Gottvertrauen“ erzählen. Ich vermute mal, ich wäre dem- oder derjenigen ins Gesicht gesprungen.

    Glaube und Lebensgeschichte sind eng miteinander verbunden. Der persönliche Glaube ist von den Erfahrungen und den Erlebnissen eines jeden Menschen abhängig und somit individuell. Keiner von uns weiß, was die biblischen Schreiber sagen wollen. Es bleibt unsere Aufgabe es herauszufinden.

    Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass sich Glaube und Unglaube nicht ausschließen. Die interessantesten Glaubensgespräche, Gespräche die mich persönlich weiterbringen, führe ich mit „Andersgläubigen“, „Ungläubigen“ oder mit „Agnostikern“. So bewahrheitet sich für mich: „Der Zweifel nährt den Glauben.“ :-)

    Liebe Grüße aus Mannheim nach Berlin
    Christa

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