17. April 2012 von Christa

Wann ist eigentlich Ostern?

Genau wie Weihnachten ist Ostern Jahr für Jahr das Gleiche und dennoch erlebe ich es jedes Jahr etwas anders. Ich gestehe in den zurückliegenden Jahren, eigentlich seit Beginn meines „Theologischen Kurses“, herrschte bei mir Grabesstimmung – Karfreitag. Die Ostertrilogie

- Leiden – Sterben – Auferstehung  -

ging so gar nicht mehr an mich. Die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche sowie der Umgang damit brachten das Fass zum überlaufen. Ich hatte plötzlich so viel Verständnis für all diejenigen, die sagten: „Geschwätz“. Wie kann man nach solchen Verbrechen noch ein Halleluja singen? Und so habe ich, wie viele andere auch, Ostern als ein „weltliches“ Fest gefeiert: Mit gutem Essen, Pfalzwanderungen mit Freunden, lesen und faulenzen – ohne Kirchgang. Doch dieses Jahr war es anders, ganz anders. Ja, und mit diesen Erfahrungen kam mir die Frage in den Sinn: „Wann ist eigentlich Ostern?“ „Was für eine Frage“, höre ich einige von Ihnen sagen. „Wann Ostern ist, steht doch groß und breit im Kalender“. Meine Frage zielt aber nicht auf das kalendarische Osterfest, vielmehr meine ich: Wann feiern wir, Sie und ich, unser persönliches Ostern?

Ostern, so habe ich es in diesem Jahr erlebt, kommt nicht mit Pauken und Trompeten daher, sondern eher still, fast unbemerkt und ohne großes Aufhebens. Bereits in der Fastenzeit machte sich eine besondere Stimmung in mir breit, die auch das schlechte Wetter nicht trüben konnte. Die Eucharistiefeier am Gründonnerstag war sehr bewegend. Die stillen Gebetsstunden danach noch bewegender. Es kommt nicht oft vor, es sind Sternstunden, da fühle ich mich mit den Menschen, die gemeinsam mit mir Gottesdienst feiern auf eine innige Weise verbunden. Einen Gottesdienst gemeinsam mit anderen Menschen zu feiern, ist eine Sache. Aber alleine still in einer Kirchenbank zu sitzen ist eine andere. Es wäre gelogen, wenn ich Ihnen erzählen würde, wie sehr ich während der Gebetsstunden in’s Gebet vertieft war. Vielmehr habe ich mein eigenes Glaubensleben Revue passieren lassen. In der Stille kamen mir Gefühle entgegen, für die ich keine passenden Worte finde. Ich glaube unsere Sprache kann gar nicht so tief greifen, um das beschreiben zu können, was ich in diesen Stunden in unserer kalten Kirche empfand – Frieden, Dankbarkeit? Ein Gefühl, das ich die letzten Jahre so sehr vermisst habe, war plötzlich wieder da: „Eigentlich kann dich nichts umhauen.“ Ausgefroren und seltsam berührt ging ich spät am Abend nach Hause. In dieser Nacht lag ich noch lange wach.

Ostern mitten im Tod

“Eier, Mehl, Zucker, Zimt, Kaba, Rum und Eierlikör – alles da“, sprach ich am Karfreitagmorgen zu mir selbst.

„Kuchen an Karfreitag?“, stellte mein Mann verwundert fest.

„Ja, ich möchte nach der Karfreitagsliturgie gerne einen Krankenbesuch machen. Und da die Geschäfte heute geschlossen sind, spiele ich Rotkäppchen“.

„Schön, ich habe im Keller noch eine kleine Flasche Rotwein, wenn du magst ……. ausrangierte Rotweingläser stehen reichlich in der Garage.“
Ich musste lachen. Mein Ehemann kennt meinen Hang zur Perfektion.

„Toll, und für das Seelenleben sorgt Gabi, perfekt. Sie begleitet mich. Alleine hab’ ich Schiss.“

Die Karfreitagsliturgie war eigenartig. Exakt zur „Todesstunde“ fiel die Sonne in kräftigen Strahlen in den Kirchenraum, gerade so, wie es mir aus Kindertagen in Erinnerung war. Ja, ich bin schon als Kind gerne in die Kirche gegangen. Ich mochte diese andächtige Atmosphäre. Dort fühlte ich mich aufgehoben und geborgen.

Vor`m Krankenhaus war mir mulmig: 7. Stock, die Ärzte, die Schwestern, alles war mir noch gut bekannt und in lebendiger Erinnerung. Was würde mich diesmal erwarten? Welche Worte würde ich für den schlimmsten Fall finden? Würde ich überhaupt Worte finden? Ich mache es kurz: 30 cm Darm wurden entfernt, keine Metastasen, keine Nachbehandlung. Uns allen fiel ein Stein vom Herzen. Wir drei Frauen haben erzählt, gelacht, unsere Ängste und Befürchtungen miteinander geteilt. Ja …, und da war plötzlich Ostern, – mitten im Tod und diesem Karfreitag. Nach dem Krankenhausbesuch saß ich noch lange mit meiner Bekannten zusammen. Wir hatten beide das Bedürfnis unsere Erfahrungen der letzten beiden Tage miteinander zu teilen. Es ist ja auch selten geworden miteinander über Glauben zu sprechen. Viele religiöse Selbstverständlichkeiten früherer Tage sind zerbrochen. Viele Menschen begnügen sich damit für sich alleine zu glauben und die Fragen und Zweifel zu verdrängen.

Wer glaubt das?

“Auferstehung und Auffahrt in den Himmel? Mal ehrlich, wer glaubt denn wirklich daran, dass das tatsächlich statt gefunden hat? “, fragt Claudia Klinger. Ja, mal ehrlich, wer glaubt das?

Lange Zeit hatten Gottesbilder, die Angst und Schrecken einjagten, Hochkonjunktur. In vielen Köpfen sitzt noch immer das Bild des strafenden Gottes aus dem Alten Testament. Demgegenüber wurde mit dem Neuen Testament das Bild des „lieben Gottes“ oder des „lieben Jesulein“ transportiert. Ein „Kasperle Gott“ gab mir einer meiner geistlichen Begleiter einmal zu bedenken. Wären mir nicht im richtigen Augenblick Menschen begegnet, die mir die kindlichen Bilder von den pausbäckigen Engelchen und dem altem Mann mit weißem Bart in eine Sprache übersetzten, die mich erreichte, hätte mein Glaubensweg vielleicht auch anders ausgesehen. Vielleicht würde ich heute, wie Claudia, durch die fernöstliche Brille, die mir übrigens sehr gut gefällt, einen Blick auf Ostern werfen, wer weiß?

Bei der Auferstehung war niemand dabei gewesen und doch haben die Menschen, um genau zu sein, es waren Frauen, etwas erlebt, das sie weiter erzählt haben. Ich könnte einige Menschen mit Namen nennen, die für mich zu solchen Glaubenszeugen geworden sind. Ihnen verdanke ich heute meinen „erwachsenen“ Glauben, ihnen und in ihnen Gott, der mir in diesen Menschen nahe kommt.

„Gott begegnet uns immer in Menschen.“ Lange Zeit habe ich diesen Satz gedankenlos nachgeplappert, bis er auf einmal nicht mehr tragfähig war und ich in eine Krise schlitterte. In dieser Glaubenskrise stand mir Buddha und seine zentrale Aussage – „Glaube nicht einfach etwas. Überprüfe es für dich selbst“ – sehr nahe. Buddha brachte mich zu meinen christlichen Wurzeln zurück. Der Buddhismus, - ein Geschenk aus dem Osten.

Auferstehung, was ist das eigentlich?

Wie kein anderes Fest verbindet uns Christen das Osterfest mit unseren älteren Glaubensgeschwistern, den Juden. Einen schönen Erklärungsversuch für die Auferstehung fand ich bei Menachem.

Freilich kann es bequemer sein, sich weiterhin an den „Fleischtöpfen Ägyptens“ zu laben, als den gefährlichen Schritt in die Freiheit zu wagen. Wer kennt das nicht: Alte Gewohnheiten, die man schon lange aufgeben will, halten gefangen. Aber sich von ihnen zu lösen ist verdammt schwer und doch kann, wenn nichts mehr geht, das „Loslassen“, wie Claudia schreibt, ich nenn’s abgeben, in ein „neues Leben“ führen.

Auferstehung kann auch bedeuten, sich den schwierigen Situationen des Lebens zu stellen. Es ist noch nicht so lange her, da erzählte mir ein junger Mann, dass zwischen ihm und seinem Freund schon seit eineinhalb Jahren „Funkstille“ herrscht. Kurz vor Ostern erreichte mich eine Mail, in der er mir mitteilte, dass er kürzlich mit seinem Freund telefoniert habe. „Ist das nicht wundervoll?“, schrieb er. Mit seiner Sprache brachte er es auf den Punkt, “wunder-voll”, ein Wunder – eine Ostererfahrung.

Auferstehung kann auch bedeuten, sich der eigenen Lebensgeschichte stellen, nicht davonlaufen und darauf hoffen, dass Gott auch in der ausweglosesten Situation noch eingreifen kann.

Auch für Christen ereignet sich Auferstehung nicht erst im fernen Jenseits. Auferstehung ist auch keine Welt der Phantasie, sondern eine Erfahrung, die mitten im Leben geschieht – im „Hier und Jetzt“. In einem Kirchenlied heißt es:

    • Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.
    • Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden übersprungen und ein Geist ist da.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie immer wieder solche  Ostererfahrungen machen und viele Auferstehungsfeste feiern können –  auch außerhalb der offiziellen Osterzeit.

Ihre
Christa Schwemlein

Der Beitrag wurde am Dienstag, den 17. April 2012 um 00:01 Uhr veröffentlicht und wurde unter Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Kirche, Vertrauen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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