12. April 2015 von Christa

Irdisches und Vergängliches – Zentralanatolien 05

4.15 Uhr – ich dreh´ mich um und reime im Halbschlaf:

Ruft in der Früh der Muezzin ‘
zum Gebet die Braven
freu`ich mich als Christ,
ich darf weiterschlafen

Es ist Viertel vor 6.00 Uhr und ich bin richtig gut ausgeschlafen. Mein Mann schläft noch tief und fest. Leise mach´ ich mich fertig, schnappe meinen Reiseführer, um mich im schönen Innenhof unseres Hotels auf den heutigen Tag einzustimmen. Zum Lesen komme ich nicht. Ein junger Türke sucht das Gespräch mit mir. Er spricht perfekt Deutsch. Er freut sich über mein Lob. In Deutschland wurde er geboren und in Dortmund ging er aufs Gymnasium. Ein guter Schüler sei er gewesen, erzählt er mir. Als seine Eltern in die Türkei zurück kehrten, mussten er und seine jüngere Schwester mit. Sein älterer, bereits volljähriger Bruder, durfte in Deutschland bleiben. Er sagt es nicht direkt doch ich höre, dass auch er gerne in Deutschland geblieben wäre. Ähnliche Lebensgeschichten begegnen mir während unserer Reise übrigens öfter und sie sind oftmals sehr traurig.

Im Bus üben wir die bisher gelernten türkischen Worte und Sätze und lernen einige neue dazu. Später kommen wir auf den Umweltschutz zu sprechen und erfahren, dass die Türken in dieser Hinsicht noch viel lernen müssen. Erstes Tagesziel ist das „Keslik Kloster“. Dort angekommen begrüßt uns der Wächter der Klosteranlage und reicht uns, wie sollte es anders sein, einen Chai. Der heiße Tee tut gut. Es nieselt und es ist frisch. Ich fürchte ich bin heute zu luftig angezogen. Der Klosterkomplex besteht aus einem weitläufigen gepflegten Klostergarten,

Keslik Kloster in Kappadokien

einem Refektorium, einer Taufkapelle und zwei Kirchen in denen, sobald sich die Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, gut erhaltene Fresken zu entdecken sind. Dennoch war es gut, eine Taschenlampe dabei gehabt zu haben.

Nachdem wir die Klosteranlage verlassen haben wandern wir durch das Soğanlı-Tal. Inzwischen hat es aufgehört zu nieseln, keine Wolke ist mehr am Himmel und die Sonne lacht uns frech ins Gesicht. Wie gut, dass ich meinen Sonnenhut im Bus habe liegen lassen. ;-) Das zerklüftete Tal war einst ein bedeutendes Zentrum des kappadokischen Mönchstums und ist wegen der Höhlenkirchen besonders sehenswert.

Unsere zweistündige Wanderung beginnen wir im oberen Dorf. Dies ist heute ein Freilichtmuseum, gebührenpflichtig und nicht mehr bewohnt. Die Menschen, die hier lebten, mussten 1996 wegen des Bergrutsches ihre Häuser verlassen und wurden anderswo angesiedelt. Gleich nach dem Kassenhäuschen befindet sich linker Hand ein Friedhof der, mit meinem deutschen Auge betrachtet, vollkommen verwahrlost daher kommt.

Friedhof im Sognali Tal, Kappadokien

Kerzen, Blumen oder sonstigen Grabschmuck, sowie wie wir das von unseren Friedhöfen kennen, gibt es nicht. Gemeinsam jedoch ist der Respekt und die Bewahrung der Würde der Verstorbenen. Nach Eintritt des Todes werden die Augen des Verstorbenen geschlossen und das Kinn hochgebunden, damit der Kiefer geschlossen ist. Die Arme ruhen gerade am Körper. Ein wichtiges Ritual ist die Waschung vor der Bestattung. Danach wird der Leichnam in ein Totentuch, das üblicherweise aus zwei weißen Tüchern besteht, gewickelt und im Tuch direkt auf die Erde ins Grab gelegt. Dabei ist darauf zu achten, dass der Kopf des Verstorbenen Richtung Mekka blickt. Eine Sargpflicht, wie bei uns in Deutschland, kennt man in der Türkei nicht. Wichtig, so erklärt uns Ender, sei eine möglichst schnelle Bestattung. Denn solange der Körper nicht die letzte Ruhe gefunden hat, findet auch die Seele keine Ruhe.

Das irdische Leben ist nicht das Letzte. Dieser Gedanke eint viele Religionen. Auch in der islamischen Theologie ist der Tod kein absolutes Ende, sondern die Heimkehr zu Gott. „Wir gehören Gott und zu Ihm kehren wir zurück“, zitiert Ender aus dem Koran. Wir kommen in ein langes, intensives Gespräch über das Sterben, den Tod, unseren Glauben und unsere Weltanschauungen …

Christa Schwemlein

Kleingedrucktes:
Erlebt am Sonntagvormittag, den 1. Juni 2014.


Der Beitrag wurde am Sonntag, den 12. April 2015 um 20:18 Uhr veröffentlicht und wurde unter Kirche, Reisen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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