15. August 2014 von Christa

Auf der alten Karawanenroute – Ostanatolien 09

Der gestrige Abend war noch richtig schön. Zusammen mit Yasemin und dem verspäteten Reiseteilnehmer aus Basel saßen wir noch lange in der Hotelbar, haben erzählt, Rotwein getrunken und Nüsse geknabbert. Später gesellte sich noch der Herr mit den freundlichen Augen zu unserer kleinen Runde.

In der Früh haben wir unser schönes Hotel in Van verlassen und sind nun wieder auf dem Weg. Das 390 Kilometer entfernte Midyat ist unser heutiges Ziel. Wunderschön ist die Landschaft entlang dem türkisfarbenen Van-See mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Jetzt verstehe ich, weshalb dieser Landstrich als „Perle des Ostens“ bezeichnet wird.

Blick auf den Van-See in Ostanatolien

Süheyl erzählt uns die Sage von der armenischen Königstochter Tamara und warnt uns vor „Vanessie“, dem legendären Seeungeheuer, das seit einigen Jahrzehnten die Menschen rund um den Van-See in Angst und Schrecken versetzt. :-)

Gegen halb zehn erreichen wir Tatvan, den südlichsten Punkt des Sees. Ab jetzt fahren wir auf der ehemaligen Seidenstrasse und passieren die Überreste alter Karawansereien. An einer machen wir für eine Besichtigung halt. Bis etwa 1930 waren Karawansereien für Mensch und Tier von großer Wichtigkeit. Durch den immer stärkeren Einsatz der LKW’s verloren die Unterkünfte jedoch ihre Bedeutung. Viele der ehemaligen Herbergen verfallen, manche werden restauriert und in etwas anderes, zum Beispiel Hotels oder Basare, umgewandelt.

Im Bus belausche ich das ältere Ehepaar schräg vor mir. Er erklärt ihr gerade, wie so oft auf dieser Reise, etwas, das unser Reiseleiter kurz vorher erläuterte. Er blüht so richtig auf, wenn er dies tut. Diesmal geht es um das Wort Karawanserei, das sich aus den Worten Karawane und Serei, das heißt Palast, zusammensetzt. Von der Seite kann ich ihr Lächeln wahrnehmen. Offenbar trägt sie seine oberlehrerhafte Marotte mit Gelassenheit. Älter werden macht schon ein bisschen sonderlich.

Die alte Karwanenroute führt uns durch das Bitlistal, das Zentrum des türkischen Tabakanbaus. Es klemmt. Eine Herde Fettschwanzschafe wackelt elegant den Berg herunter und versperrt uns den Weg. Hoffentlich schafft es dieses Brautpaar noch rechtzeitig zum Altar.

Hei, heute Morgen mach' ich Hochzeit

Eine Herde Fettschwanzschafe versperrt die Straße

Das Provinzstädtchen Bitlis macht vom Bus aus gesehen einen traditionell konservativen Eindruck. Man könnte fast meinen hier leben nur Männer, die nichts anderes zu tun haben, als in den Straßencafés Tee zu trinken und zu reden. Süheyl klärt uns auf. Die vorwiegend kurdischen Bewohner leben überwiegend von der Landwirtschaft. Die Ernte ist in diesem Jahr eingefahren und somit gibt es für die meisten Männer nichts mehr zu tun. Einen Ort weiter, in Batman, machen wir Mittagspause und essen Hühnchen mit Reis. Wir sitzen in derselben Runde zusammen wie gestern Abend – und das ist sehr schön.

Von Batman ist es nicht weit nach Hasankeyf. Der malerische Ort liegt an der antiken Tigris-Furt in Südostanatolien und hat wegen des geplanten Illisu-Staudamm mehr Vergangenheit als Zukunft. Sollte der umstrittene Staudamm zu Ende gebaut werden, würden Hasankeyf und viele andere Ortschaften den Wassermassen zum Opfer fallen. Mit dem Bau der zahlreichen Staudämme will die Regierung durch weitläufige Bewässerungsanlagen das Land wieder fruchtbar machen und den hier lebenden Menschen Brot und Arbeit geben. Ob dieses gigantische Entwicklungsprojekt tatsächlich ein wirtschaftlicher Segen sein wird?

Über die neue Tigris Brücke spazieren wir zurück zu unserem Bus und werfen einen letzten Blick auf das bedrohte Kleinod Hasankeyf und auf die Überreste der alten Brücke.

Die neue Tigris-Brücke

Blick von der neuen Tigris Brücke auf die alte Tigris Brücke

Am Nachmittag steht die Besichtigung des syrisch-orthodoxen Klosters „Mar Gabriel“ auf dem Programm. Es ist eines der ältesten christlichen Klöster der Welt und soll von den noch aktiven Klöstern rund um Midyat das schönste sein. Hier leben der Metropolit, das ist der Bischof der syrisch-orthodoxen Christen, Mönche, Nonnen und Schüler, die tagsüber die normale staatliche Schule besuchen und im Kloster in die aramäische Sprache eingeführt werden. Einer der Schüler führt uns durch die gepflegte Klosteranlage und erzählt uns etwas zur Geschichte des Klosters und zum Klosterleben. Danach sind wir beim Metropoliten zum Tee und einem Gespräch eingeladen.

Ein schönes kleines Hotel, ein ausgezeichnetes Abendessen, ein vorzüglicher Wein, was braucht es mehr?

Unser schönes Hotel in Midyat

Gute Nacht
Christa  Schwemlein

Kleingedrucktes:
Erlebt am Sonntag, den 13. Oktober 2013.

Der Beitrag wurde am Freitag, den 15. August 2014 um 19:45 Uhr veröffentlicht und wurde unter Reisen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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