23. März 2013 von Christa

So geht Versöhnung

Fastenzeit oder österliche Bußzeit, puh, was schwingt da nicht alles mit? Allein das Wort Buße rief bei mir lange Zeit negative Gefühle hervor – viel Gebot und Verbot und noch mehr schlechtes Gewissen. Mit Buße assoziierte ich Beichte, Reue und ein langes Gesicht. Dabei meint Buße im eigentlichen Sinne wiederherstellen oder heilen. In den zurückliegenden Tagen beschäftigte ich mich mal wieder mit der Gestaltung einer österlichen Bußfeier, die in meiner Gemeinde Versöhnungsfeier genannt wird und in diesem Jahr unter dem Titel „So ist Versöhnung“ stand. Die christliche Botschaft vom Geschenk der Versöhnung setzt die Auseinandersetzung mit Schuld und Vergebung voraus.

Schuld

„Wo gehobelt wird da fallen Späne“, lautet ein Sprichwort.  Es wäre naiv zu glauben wir Menschen kämen schuldfrei durchs Leben. Die Fähigkeit zum Bösen ist in uns genauso angelegt wie die Fähigkeit zum Guten. Manchmal haben wir gar nichts Böses im Sinn, und doch geschieht es. Selbst wenn wir nichts tun, werden wir schuldig. Das glauben Sie jetzt nicht? Na, dann lesen Sie doch mal, was der Teufel dazu zu sagen hat. ;-)

Schuldgefühle kennt und spürt jeder, der eine öfter, der andere weniger oft. Ihre Begleiter sind Unbehagen, Unruhe und Grübelei. Um diesen unangenehmen Gefühlen aus dem Weg zu gehen haben wir viele Entschuldigungsmechanismen entwickelt. In meinem Beitrag “der Unschuldswahn” sind einige genannt. Eine weitere Methode der Schuldabwehr ist die Projektion auf andere, d.h. wir schreiben einem Menschen Dinge zu, die mehr uns selbst betreffen als den anderen. Stolz meidet ebenfalls eigene Schuld und bürdet sie anderen auf. Beliebt ist auch folgende Variante: Man pickt sich irgendeinen schlauen Satz aus einer anderen Weltanschauung aus dem Zusammenhang heraus, mixt diesen mit den Erkenntnissen der Psychologie und hofft, mit dieser Vorgehensweise das eigene Idealbild aufrecht erhalten zu können. Die nachstehende Mail, die mich vor längerer Zeit erreichte, macht vielleicht deutlich, was ich damit meine.

Es klingt mir aber zu einfach zu sagen, andere Menschen sind so, verletzen einen. Wir sind alle eins, ich kann dir nicht wehtun ohne mich selbst zu verletzen, meinte einmal Gandhi. Es sind Menschen, die mal ebenso verletzt wurden und sich heute zwischen Opfer- und Täterrollen hin- und her bewegen.

Menschen, die gedemütigt, geschlagen und misshandelt werden, da stimme ich dem Schreiber zu, können meist nur schwer aus dem Teufelskreis der Gewalt ausbrechen. Sie teilen aus, weil sie selbst verletzt worden sind, weil sie sich minderwertig fühlen und ihre Macht nur zeigen können, indem sie anderen Menschen schaden. So können, muss nicht, Opfer zu Tätern werden. Doch diese Umstände entschuldigen nichts. Sie entbinden auch niemanden von der Pflicht Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Ehrlich, ich mag diese „Opfer-Täter-Geschichten“ gar nicht mehr hören. Immer sind die anderen schuld. Und wenn man keinen Schuldigen findet, soll man selbst schuld gewesen sein. Wie im Kindergarten: „DU bist schuld!“ – „Nein, DU!“ Diese reflexhafte Verteidigung beherrschen schon die Kleinsten.

Weiß ich von den psychologischen „Opfer-Täter“ Zusammenhängen, so ist es meine oberste Pflicht, mich meinen Verletzungen zu stellen und diese aufzuarbeiten. Manchmal tut es weh, wenn an verletzenden Ur-Erfahrungen gerührt wird, doch stelle ich mich diesen alten Geschichten nicht, bleibe ich in der „Schuld-Falle“, der Täterrolle stecken. Von Adalbert Stifter stammen folgende Worte: “Der Schmerz ist ein heiliger Engel, und durch ihn sind Menschen größer geworden als durch alle Freuden der Welt. Wer seine eigenen Schwächen nicht ertragen kann, der muss sie anderen zuteilen, die ihm als etwas Äußeres vorführen, was er an sich oder in sich selbst um keinen Preis wahrnehmen will.”

Sich der eigenen Verantwortung entziehen, die Schuld auf andere schieben, das ist zurzeit wie eine Epidemie und wie mir scheint, Normalität. Ehrlich, mich interessieren die Gründe, weshalb mich jemand verletzt, zunächst nicht. Es ist mir auch gleich, ob sich der- oder diejenige selbst verletzt oder nicht. Die Verletzung tut mir weh und da tut es einfach gut, wenn jemand die Verantwortung für sein Tun übernimmt und sich hinstellt und sagt: „Es tut mir Leid“. Schuld wirkt im Verborgenen und sie verliert ihre Kraft erst dann, wenn sie offen gelegt wird.

Vergebung

“…und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“  Das Vaterunser ist bekannt und wird von Millionen Menschen gebetet. Doch seit meinem Vaterunserkurs frage ich mich oft, ob wir auch wirklich meinen, was wir da sagen, wenn wir diese Worte wiederholen. Sie klingen gut, so selbstverständlich, gerade so, als ob Christen besonders gut vergeben können.

Ist Vergebung in unserer säkularen Welt eigentlich noch „in“? Die Spezialisten in Sachen Vergebung meinen, ja. In ihren Ratgebern lese ich Sprüche wie: „Willst du einen Augenblick glücklich sein? Dann räche dich. Willst du für immer glücklich sein? Dann vergebe.”  In Wirklichkeit ist es aber so, dass weder Sprichworte noch der moralische Zeigefinger nützen. „Du musst vergeben!“ „Du musst … „ Ich könnte platzen. Vergebung kann man nicht befehlen. Wer so denkt überfordert sich und andere. Es ist wichtig zu wissen, dass es unverzeihliche Verletzungen gibt. Anders als bei einer Straftat, die nach einer gewissen Zeit verjährt, kennt die Seele keine Verjährungsfrist. Manchmal steht uns die „gute Kinderstube“ doch echt im Weg. Vergebung ist ein Akt der Befreiung und kann nur vom Herzen kommen. Echte Vergebung kann übrigens auch nur derjenige empfangen, der sich das Bedürfnis danach eingesteht und sein Fehlverhalten vor der Person bekennt, die er verletzt hat.

„Gott vergibt alles, denn er versteht alles“,
  bekomme ich manchmal zu hören. Dieses alte Sprichwort enthält eine tiefe Wahrheit. Nur das Dumme daran ist, ich bin nicht Gott. Um Dinge verstehen zu können benötige ich das Gespräch. Das Wissen um das „WARUM“ ist mir hilfreich. Es verringert zwar nicht die Schwere der Schuld, aber ich kann dem „Täter“ nachsichtiger entgegen kommen.
Kompliziert wird’s immer dann, wenn der Verantwortliche ein klärendes Gespräch ablehnt oder sich weigert, sein Fehlverhalten zuzugeben. In solchen Fällen hilft nur eines: Sich selbst vergeben, sich in eine Situation gebracht zu haben, in der man verletzt wurde und nicht wusste was zu tun oder zu sagen war. Ver-geben, das Wort sagt es bereits: Etwas geben – weg-geben, loslassen. Ich gebe die Last, die ein anderer mir aufgebürdet hat, ab. Sobald ich mich von der inneren Abhängigkeit von demjenigen, der mich verletzt hat, befreit habe, wird mein Blick wieder frei für die Gegenwart und die Zukunft. Vergebung ist die Tür zum inneren Frieden – ein schönes Bild, nicht wahr? Mit der Vergebung hängt die Versöhnung eng zusammen.

Versöhnung

Auch wenn manche Ratgeber Vergebung und Versöhnung in einem Atemzug nennen, darf man die beiden Begriffe nicht miteinander verwechseln. Vergebung ist ohne die Beteiligung des „Täters“ möglich, anders die Versöhnung. Versöhnung kann nur dann gelingen wenn sich beide, Täter und Opfer, in die Pflicht nehmen. Zuerst der Täter. Er muss seinen Teil der Verantwortung an dem Vergehen anerkennen. Will er einen Neuanfang, so bleibt ihm der Gang nach Canossa, den anderen um Verzeihung bitten, nicht erspart. Billiger geht es leider nicht. Erst danach kann er auf Verständnis, auf Versöhnung und auf einen neuen Anfang hoffen. Wünschenswert wäre, wenn der Vergebung die Versöhnung folgen würde. Dazu bedarf es zwar der Bereitschaft und dem Willen der betroffenen Parteien, doch letztendlich ist Versöhnung ein Werk, das der Gnade Gottes unterliegt und, um das sowohl das Opfer als auch der Täter gemeinsam bitten müssen.

Wie immer Sie die zurückliegenden Fastentage auch bilanzieren mögen - ich wünsche Ihnen, dass Sie versöhnt und mit viel Zuversicht dem Osterfest entgegen gehen.

Ihre
Christa Schwemlein

Buchempfehlungen:
Wenn wir uns versöhnen - Verena Kast
Vergeben lernen in zwölf Schritten - Jean Monbourquette

Der Beitrag wurde am Samstag, den 23. März 2013 um 21:11 Uhr veröffentlicht und wurde unter Eigene Gedanken zu..., Herz und Verstand, Kirche abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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