19. August 2012 von Christa

Kidnapper im Netz ;-)

Das Thema werkelt und da ich keinen passenden Einstieg finde mach’ ich’s mal wie Claudia und entführe eine ältere Textstelle aus ihrem „Digital Diary“ als Aufhänger hierher.

„Ich kann nicht begreifen, dass die jeweiligen Erzählungen von der Genesis der Welt überhaupt noch von jemanden geglaubt werden: schließlich zeigt uns die Wissenschaft eine andere Entstehungsgeschichte …“

Die rege Diskussion bei Claudia widerlegen Dori’s Wahrnehmungen, das Interesse an religiösen und spirituellen Themen sei in der „Bloggemeinde“ im Vergleich zu früher in den Hintergrund getreten. Je nachdem, wo man sich im virtuellen Raum bewegt mag vielleicht der Eindruck entstehen, Religion sei Privatsache und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Tatsächlich sind meine Beobachtungen aber ganz andere. Sobald ich mich, egal wo auch immer, als Christin oute bin ich ratzfatz, ob ich das will oder nicht, in Glaubensgespräche verwickelt. Nicht selten ertappe ich mich in solchen Gesprächen dabei, die uralten Erzählungen der Genesis gegen die Naturwissenschaft verteidigen zu wollen. Warum eigentlich? Schließlich haben uns die Naturwissenschaften auch nicht menschlicher gemacht.

Die Genesis ein Märchenbuch für Fromme?

Gegenüber den Urgeschichten der Genesis haben viele Menschen Vorbehalte und verstehen sie als Märchen. Ich gebe zu, ich hatte sie bis zu Beginn meines „Theologischen Kurses“ auch. Viele der alten Texte hatten durch das häufige Hören mit der Zeit ihren Neuheitscharakter verloren. Doch unsere Dozentin hat es tatsächlich fertig gebracht, mir bis zum Ende ihrer Kurseinheit einen neuen Zugang zu diesen alten Texten zu verschaffen.

Zugegeben, die Texte kommen häufig sperrig daher. Und es mag für den modernen Menschen schwierig sein, sie richtig einzuordnen. Nicht selten werden sie als historische Texte missverstanden oder als Märchen fehlgedeutet. Die Erschaffung des Menschen zum Beispiel wird höchst dramatisch und märchenhaft erzählt. Gott gleicht in den Erzählungen einem Töpfer, der mit seinen Händen einen Menschen formt. Die bildhafte Sprache ist nicht jedermanns Sache, wie die vielen Witze über die Rippe belegen.

Warum erzählen wir Geschichten?

Unser früherer Bundespräsident Gustav Heinemann hat es einmal so formuliert:

„Man soll seinen Mitmenschen die Wahrheit nicht wie einen Putzlappen um die Ohren schlagen, sondern man soll sie ihm wie eine Jacke hinhalten, in die er leicht hineinschlüpfen kann. Genau dies machen Geschichten.“

„Die beste Geschichte ist jene, die auch eine Botschaft transportiert“, kommentiert Thinkabout bei Claudia. „Gott schuf die Welt in sechs Tagen. Am siebten schaute er sich an, was er getan hatte, befand es als gut, und ruhte…“, zitiert er. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass uns heute etwas Wesentliches abhanden gekommen ist: Der ordnende Rhythmus; am siebten Tage sollst du ruhn. Statt uns regelmäßig eine kleine Auszeit zu gönnen laufen wir ohne Unterbrechung mitunter bis zur Erschöpfung (Burnout) mit.

Neben der Erkenntnis, dass der Dauerstress unserer Höchstgeschwindigkeitsgesellschaft krank machen kann, ist mir bei der erneuten Beschäftigung mit dem alten Bibeltext noch etwas anderes aufgefallen. Zunächst fing ja alles sehr verheißungsvoll an. Gott ging mit viel gutem Willen an sein Werk. Er schuf Himmel und Erde, Mensch und Tier. Jeden Schöpfungstag beendete er mit den Worten, dass es gut war. Nach der Erschaffung des Menschen, dass es sogar sehr gut war. Doch irgendetwas, ich sag’s jetzt mal ganz salopp, muss in die Hose gegangen sein. Weshalb sonst sagt Gott auf einmal: Es ist nicht gut. Ist ihm der Mensch etwa missglückt?

„Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine bleibt …“, heißt es im zweiten Schöpfungsbericht. So schön das mit den Tieren auch gewesen sein mag, aber ebenbürtige Partner waren sie dem Menschen auf Dauer nicht. Mal ehrlich, was nützt mir das schönste Paradies, wenn ich darin mit meinen Tieren alleine bin und  mich mit niemandem austauschen kann? Wir Menschen brauchen einander, nicht nur des Austausches wegen. Wir brauchen einander, um zu sehen, wer wir selbst sind.

Nichts bleibt wie es war – oder etwa doch?

Die Zeiten und auch der Zeitgeist haben sich verändert. Jedoch wir Menschen sind dieselben geblieben in unserer Begrenztheit, in unserer Individualität und in unserer Ganzheitlichkeit. Wir haben heute mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie die Menschen vor 2000 Jahren. Und wir machen dieselben Fehler.

Spannend an diesen alten Geschichten finde ich, dass jeder für sich etwas anderes entdeckt. Sie regen mich zum Nachdenken an und schenken mir die Freiheit, das für mich Passende herauszuholen oder ganz einfach auch mal zu sagen: Das hat nichts mit mir zu tun!

Natürlich komme auch ich als „selbstdenkende“ Frau nicht an der Frage vorbei, ob die jeweiligen Erzählungen der Genesis wahr sind. Aber dafür ist es mir heute ersten zu heiß und zweitens zu spät. Diese tiefgründigen Gedanken wälzen wir gerne später,  irgendwann mal … ;-)

Gute Nacht!
Christa Schwemlein

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 19. August 2012 um 22:21 Uhr veröffentlicht und wurde unter Bücher, Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Kleine Bibelkunde, Zitate abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 7622 | Kategorie Bücher, Blog-Geflüster, Eigene Gedanken zu..., Kleine Bibelkunde, Zitate | 2 Kommentare »





2 Reaktionen zu “Kidnapper im Netz ;-)”

  1. Menachem

    Auch mich lässt das Thema nicht los, @Christa.

    Wir Menschen suchen “Glück” und “Zufriedenheit”, sind bereit, dafür 1000de von Ratgeberlektüren und büchern zu kaufen in der Hoffnung, das Ersehnte darin zu finden – dabei:
    Es wurde schon alles gesagt und geschrieben.

    “Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine bleibt.”,
    ein wunderbarer Satz, den du da ausgesucht hast.

    Damit ist alles gesagt und lässt dennoch Raum, dies ganz den eigenen Vorstellungen entsprechend zu gestalten. Das es dazu noch eine Geschichte mit einer “Rippe” gibt, lässt noch mal viel Platz für eine persönliche und weitergehende Interpretation und eigenen Einstellung.

    Es ist nach meiner Einschätzung eine Botschaft, die zum Leben im “Heute” gründsätzlich und zeitlos ist – unabhängig davon, wann, wo und wer sie niedergeschrieben hat.

  2. Christa

    Hallo Menachem,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich bin keine Theologin. Aber ich denke die “Rippe” will dir und mir ganz einfach sagen: “Wir Menschen brauchen einander.” Ohne einander sind wir ärmer als miteinander. Das ist meine einfache Sicht der Dinge.

    Liebe Grüße und gute Nacht
    Christa

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