4. Februar 2018 von Christa

Juden und Christen im islamischen Gottesstaat – Iran Folge 08

Ein Bremsmanöver holt mich aus meinen Träumen. Über die armenische Chormusik muss ich wohl „weggeduselt“ sein. „Die Christen im Iran repräsentieren einen winzig kleinen Teil der Landesbevölkerung und waren bereits vor dem Islam im Land verbreitet. Im 6. Jh. bildeten sie sogar die stärkste Religionsgemeinschaft. Um die Mitte des 9. Jh. begann der Verfall des Christentums, im 12. Jh. die Christenverfolgung. Mit den Mongolen kam es noch einmal zu einer kleinen Blütezeit, bis dann ab dem 14. Jh. die Islamisierung des Irans vollständig abgeschlossen war “ höre ich unsere Reiseleiterin sprechen. 

„Sechstes Jahrhundert, war das nicht die Zeit der Sasaniden?“ frage ich mich verschlafen. „Gut aufgepasst“, lobt mich unser Latein- und Geschichtslehrer, der meine Selbstgespräche gehört hat. „Habe ich etwas verpasst?“ frage ich. „Nein keine Sorge. Wir haben alle etwas geschlafen. Frau Schulte fasst gerade den Vormittag noch einmal zusammen und will uns im Anschluss etwas von den religiösen Minderheiten im Iran erzählen“, bringt er mich geduldig auf den neuesten Stand. Das interessiert mich. Ich greife nach meinem Reisetagebuch und schreibe so viel wie möglich mit.

Die iranische Bevölkerung besteht mehrheitlich aus schiitischen Muslimen, die der Staatsreligion der Islamischen Republik angehören. Die größten Minderheiten stellen die Sunniten und Sufi, die ebenfalls Muslime sind. Juden und Christen sowie die älteste religiöse Gemeinschaft im Iran, die Zoroastrier, sind nur eine kleine Minderheit. Alle drei nicht islamische Religionen sind laut der iranischen Verfassung als offizielle religiöse Minderheiten anerkannt und durch Abgeordnete im Parlament vertreten. In der Praxis bedeutet dies, dass Juden ihre Synagogen und Christen ihre Kirchen errichten und unterhalten dürfen und somit in ihrer Religionsausübung relativ frei sind. Doch Halt! Die Toleranz hat Grenzen. Juden und Christen unterliegen, wie Muslime auch, dem islamischen Recht und haben sich in der Öffentlichkeit an die für alle Iraner gültigen Regeln zu halten. Strikt verboten ist ihnen die Mission. Wer es dennoch tut, muss mit harten Sanktionen, rechnen. Laut Gesetzbuch mit der Todesstrafe. Auch Muslime, die zum Christentum übertreten, können hingerichtet werden. Die harte Strafandrohung soll das Abfallen vom muslimischen Glauben, welches nach muslimischer Auffassung eine schwere Sünde darstellt, verhindern.

Etwa 600 Kirchen gibt es im Land. Die bedeutendste christliche Kirche bilden die Armenier, die seit der Zeit der Safawiden im Iran ansässig sind. Daneben stellen die Assyrer eine weitere große christliche Gemeinschaft dar. Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen runden mit einer Minderheit das christliche Spektrum ab.

Viel länger als das Christentum ist das Judentum im Iran verwurzelt. Juden gibt es schon seit mehr als 3000 Jahren im Iran. Die jüdische Gemeinde im Iran ist die größte auf muslimischem Boden. In keinem anderen muslimischen Land leben so viele Menschen jüdischen Glaubens. In Teheran gibt es mehrere Synagogen oder Gebetsräume für Juden. Allein in der großen Halle der Abrishami-Synagoge finden 500 Gläubige Platz.

Die jüdische Gemeinde unterhält Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und Bibliotheken. Mit den Grabstätten von Mordechai und Esther sowie dem Grab Daniels, auf diese ich Vorort eingehen werde, besitzen die Juden einige wichtige religiöse Stätten innerhalb des Landes, die übrigens auch von den Muslimen verehrt werden.

„Wie gläubig sind denn die Iraner wirklich?, ruft’s aus der letzen Reihe. „Hm, das ist schwierig zu beantworten“, meint unsere Reiseleiterin und gibt die Frage an ihren Co-Reiseleiter weiter. „Ich denke, es ist nicht anders als bei Ihnen. Spirituelle Sinnsuche ist nach wie vor ein Thema. Doch in der Tat haben auch wir einen Gläubigenschwund zu verzeichnen, “ antwortet er. „Apropos Spiritualität, ich denke nach den vielen Informationen wird es Zeit für eine kleine Pause“, meint unsere Reiseleiterin und legt uns zur Entspannung „Rumi und Bach“ auf. Die Musik ist wunderschön und unterstreicht eindrucksvoll das gigantische Farbenspiel der Landschaft, die wir gerade durchfahren. Hören Sie doch mal rein.

https://www.youtube.com/watch?v=o19ivGqKIcw

Es ist bereits dunkel, als wir von unserem Tagesausflug zur Thaddäuskirche wieder in unserem Hotel in Täbris ankommen. Auf den Straßen fallen mir die vielen kleinen Feuerstellen auf. „Das Feuer läutet Nouruz, das iranische Neujahrsfest, ein“ erklärt unsere Reiseleiterin, so als könnte sie meine Gedanken lesen.

Wir hingegen läuten Nouruz in einem urigen Kellerlokal mit gutem Essen und iranischer Folklore ein.

in einem Kellerlokal in Täbris

Ein Gläschen Rotwein wär’ jetzt nicht schlecht,“ meint mein Gegenüber und nippt lustlos an seinem „Dugh“, ein mit Kohlensäure versetztes, iranisches Joghurtgetränk, das dem türkischen Airan ähnelt.

„Also sprach Zarathustra……“, geht mir im Kopf herum. Dieses geflügelte Wort ist mir geläufig. Was es aber mit Zarathustra und dem Zoroastrismus auf sich hat, davon habe ich keinen blassen Schimmer. So greife ich vor dem Einschlafen noch einmal zu meinem Reiseführer.

Christa Schwemlein

Erlebt am:
Mittwoch, den 15. März 2017 am Nachmittag

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 4. Februar 2018 um 16:58 Uhr veröffentlicht und wurde unter Reisen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Eintrag Nr. 12807 | Kategorie Reisen | 0 Kommentare »





Einen Kommentar schreiben