30. Juli 2016 von Christa

Sünde und Vergebung – Fortsetzung Katholikentag 2016

Der Samstagmorgen empfängt uns mit herrlichem Sonnenschein. Ein Wetter wie für uns bestellt.

Sünde und Vergebung – mit einem Trialog der abrahamitischen Religionen in der Aula der Volkshochschule will ich heute in den Tag starten. Das gestrige „Streitgespräch“ hat meine Interesse auf Mehr geweckt. Was verstehen Juden und Muslime unter Sünde? Wie gehen sie damit um? Welche Unterschiede gibt es bei diesen Fragen zu meiner Religion? Meinen Mann interessieren solche Themen weniger. Er will sich heute Früh der globalen Verantwortung widmen. Um 11.00 Uhr findet zum Thema Klimagerechtigkeit eine Podiumsdiskussion in der Oper statt. Doch bevor sich unsere Wege trennen frühstücken wir gemeinsam im Innenhof der Volkshochschule.

Sünde und Vergebung

In der vollbesetzten Aula sitzen mindestens genauso viele Männer wie Frauen.
Das erstaunt mich. Dachte ich doch, Männer hätten eine größere Distanz zu Kirche und Glaubensinhalten als Frauen.

Nach den einleitenden Worten des Moderators spricht zuerst der jüdische Theologe. Sünde ist nach jüdischer Auffassung der Verstoß gegen Gottes Gesetze, eine Tat aus freiem Willen. Neben den Grundregeln der menschlichen Gemeinschaft, den 10 Geboten, gibt es 603 weitere Ge- und Verbote, die zu einem gelingenden Leben anweisen. Die Rede von Prof. Dr. Ephraim Meir ist ausführlich und vieles ist mir neu.
So wusste ich zum Beispiel nicht, dass Himmel und Hölle im Judentum nur eine vage, keine zentrale Rolle spielen, die Erbsünde von den Juden verneint wird und es folglich keine kollektive Erlösung durch den Kreuzestod Jesu geben kann. Sünden zwischen Menschen und Gott werden einmal jährlich an „Jom Kippur“, dem Versöhnungstag, vergeben. Hierzu reichen Reue und Umkehr. Sünden gegenüber seinen Mitmenschen sühnt dieser Tag allerdings nicht, es sei denn, dass diese ihm verzeihen. Nach jüdischer Auffassung mischt sich Gott nicht in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Nur wer geschädigt wurde kann vergeben. Wie schwierig Vergebung mitunter sein kann erklärt uns der Redner am Beispiel des Mannes, der am Versöhnungstag in der Synagoge auf seinen Erzfeind trifft:

„Komm, lass uns vergeben und vergessen. Von heute wünsche ich dir alles, was du mir wünschst.“ „Siehst du, jetzt fängst du schon wieder an“, schießt dieser giftig zurück.

Dennoch sei Vergebung möglich. Voraussetzung ist die Bitte um Verzeihung seitens des  „Beleidigers“, sowie der feste Wille des „Beleidigten“ zu vergeben. Die Vergebung liegt in der Hand des „Beleidigten“. Hat dieser vergeben, dann vergibt auch Gott.

Der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Mouhanad Khorchide spricht von einer ähnlichen Tradition im Islam. Die Gelehrten unterscheiden ebenfalls zwischen den beiden Sündenbegriffen – „Sünde gegenüber Gott“ und „Sünde gegenüber Menschen“. Allerdings hinterfragt er kritisch: „Gibt es das wirklich? Kann ich gegenüber Menschen sündigen ohne damit gegenüber Gott gesündigt zu haben und umgekehrt“. Dies erläutert er mit der Geschichte, die er dem Propheten Mohamed zuspricht und die mir in ähnlicher Form aus den Evangelientexten bekannt ist:

Jemand steht vor Gott im Jenseits und Gott sagt zu ihm: „Ich war krank und du hast mich nicht besucht. Ich war hungrig und du hast mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig und du hast mir nichts zu trinken gegeben. Einer deiner Bekannten war krank, hättest du ihn besucht, wärst du mir dort begegnet.“

Das heißt, so Khorchide, wenn ich meine Mitmenschen im Stich lasse, lasse ich damit auch Gott im Stich. Mit dieser Aussage kommt er meinem christlichen Verständnis von Sünde sehr nahe.

Ähnlich wie in der jüdischen Religion vergibt Gott auch im Islam nicht stellvertretend, was Menschen einander getan haben. Vergebung bedarf im Islam folgender Schritte: Einsicht, Reue und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit.

Im christlichen Glauben ist es anders. Da vergibt Gott. Damit macht er den Weg zur Versöhnung frei. Bei den Ausführungen des katholischen Theologen höre ich nicht mehr sehr aufmerksam zu. Vermutlich deshalb, weil ich mich in der Vergangenheit ausführlich mit Schuld, Vergebung und Versöhnung beschäftigt habe. Die „Höllenängste“ und das ewig schlechte Gewissen meiner Kindertage kommen mir stattdessen in Erinnerung. Wie kamen Eltern und Lehrer damals eigentlich dazu, derartige Drohkulissen aufzubauen, wo Jesus doch die Liebe gelehrt hat?

Fazit der Veranstaltung:

Lasst das Böse, tut das Gute. Das ist in allen Religionen gleich.

Christa Schwemlein

Erlebt am:
Samstagvormittag, den  28. Mai 2016


Der Beitrag wurde am Samstag, den 30. Juli 2016 um 14:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Kirche, Vertrauen abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

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